Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

ein traum innerhalb eines traums

Geschrieben: 1990-06-24

mit einem male war alles ein klein wenig anders als es sein sollte, ich weiß nicht, wie ich es genau beschreiben soll, bei allem überkommt einen ein wenig das gefühl der irrealität. es begann alles damit, daß unvermittelt die sonne etwas strahlender zu sein schien, als sie eigentlich sonst zu scheinen pflegte, kleine haufenwölkchen viel plastischer am himmel standen, als ich es gewohnt war, farben viel farbiger zu sein schienen, das weiß viel weißer, das schwarz plötzlich intensiver als je zuvor; kurz: ich erlebte meine umwelt intensiver als jemals zuvor. zunächst tat ich all dies damit ab, daß ich entweder einen besonders guten oder schlechten tag gehabt hatte.

doch es wurde immer schlimmer, was soll ich sagen, die wahrnehmung verschärfte sich zu einem hyperrealismus, irgendwann meinte ich zu erkennen, wie der ehemals so scharfe makrokosmos um mich herum verschwamm. legte ich auch nur eine hand auf den tisch, spürte ich schon die mikroskopischen unebenheiten des tisches, beim darüberwischen fühlte ich den abrieb von tisch und hand, beides war nicht mehr klar trennbar, selbst als ich die hand wieder hob, registrierte ich noch die zweifellos an meiner hand vorhandenen ehemaligen tischmoleküle, die ich beim darüberstreichen vom tisch abgerieben hatte, und ein gewisser ekel überkam mich vor jedweder berührung, nach der immer etwas von mir am berührten haften blieb und umgekehrt. überall schien ich nun mit der umwelt zu verhaften und mich peripher mit ihr zu vermischen.

im prinzip stimmt das ja auch, doch ist man nicht in der lage, dies mit den eigenen sinnen wahrzunehmen. ich aber schien plötzlich hypersinne ausgebildet zu haben, und das wabbern der materie um mich herum wurde immer stärker. ein gewimmsel von molekülen in der luft, kristalline strukturen in den festkörpern. besonders ekelte es mich, als ich all die mikroorganismen wahrnehmen konnte, die ich jeden moment mit einem atemzug in mich aufnahm oder mit einem handstreich oder fußtritt auslöschte. quirlendes leben um mich herum, schwirrende moleküle um mich herum. in jedem qubiccentimeter luft jeden moment leben und tod von organismen, wohin ich auch schaute, schleimiges sein, fauliges leben, abstoßende vermehrung aus gleichzeitig sterbenden anderen lebewesen heraus. dazu das irre wirbeln der atome, aus denen sich das alles zusammensetzt, schwingungen, schallwellen, alles um mich herum in bewegung. um jeden wabbernden, selbst ganz unscharfen atomkern ein nebel von nicht lokalisierbaren elektronen, dann wieder chemische reaktionen überall, wohin ich auch sah, ein auftrennen und verbinden von molekülen.

ich konnte nur noch schwer abschätzen, was ich bin und was nicht, eine klare abgrenzung fehlte, eine grobe abschätzung mußte reichen, ich schien mich manchmal in meiner umwelt nahezu aufzulösen. und zögernde photonen schienen sich vor meinen augen in fourierreihen und -transformierten aufzulösen, setzten sich zu wellen zusammen und eilten fort, wieder als photonen, den vorgang nicht wiederholend, sondern alles gleichzeitig seiend, ein zu einem wellenzug verschmiertes teilchen oder eine fourierreihe.

schallwellen schlugen an meinen kopf, auch sie werden im ohr fourieranalysiert, alles wurde zu einem verschwommenen, unsicheren, wirbelnden, wabbernden bild des augenblicks, sich von einem moment zum anderen verändernd, einmal ist die umwelt noch ziemlich konsistent, gleich darauf aber schon in einzelne atome, schwingungen, verschmiertes sein zerlegt. alles schien in unschärfe und unsicherheit zu zerfallen, ich irrte darin umher.

erkannte ich tatsächlich etwas menschliches in dieser umwelt wieder und hörte von ihm schallwellen, konnte ich die letzteren nur noch schwer zu sinnvollem zusammensetzen, war es dann doch gelungen, war es aber gerade so, als hätte ich schon lange vorher gewußt, was mein wabberndes, verschwommenes gegenüber hatte sagen wollen.

verzweifelt zog ich mich zurück und legte mich auf mein zu subatomaren phänomenen zerfasertes bett und schloß meine augen, um in aller ruhe nachdenken zu können. doch das denken zerrieselte langsam zu vor allem elektrochemischen vorgängen in meinem kopf, es fiel zunehmend schwerer. ich lachte, doch das lachen war nicht mehr mein lachen, es klang irr gewellt, in einzelschwingungen von kopf und luft zerlegt, gar nicht wie lachen, ich war gar nicht wie ich. so kam ich schließlich zu dem ergebnis, alles müsse ein traum, eine wahnvorstellung sein, der ganze hyperrealismus ein gewissermaßen naturwissenschaftlicher alptraum oder ich sei dem wahnsinn verfallen.

in diesem moment schrecke ich auf, es ist nacht und alles in gewohnter schärfe und auflösung am rechten ort. es überkommt mich langsam wieder die sicherheit der gewohnheit des alltags. alles sei nur ein alptraum gewesen, denke ich erleichtert, überstanden, und sinke zurück. doch ich kann nicht einschlafen. irgendwann kommt mir der gedanke, woher ich denn jetzt eigentlich wisse, daß ich wach sei, ob das nicht wieder nur ein traum sei, der vorherige also ein traum in einem traum. schweiß tritt mir auf die stirn, wie soll ich da jemals herausfinden, jemals gewißheit erlangen? ich springe auf, stoße mit dem ellenbogen gegen einen stuhl, den ich wegen dunkelheit und erregung nicht wahrgenommen hatte, eine schmerzwelle durchzuckt meinen körper und bohrt sich ins hirn, blitzt zurück zum ellenbogen, ich krümme mich innerlich zusammen. kann ein wahn so echt sein, ein traum einen so hohen grad an authentizität erreichen, überlege ich, vor schmerz noch ächzend, komme dann zu dem schluß, daß das nicht auszuschließen sei. was also tun, was tun, um gewißheit zu erlangen?

nachdem sich der schmerz in aller ruhe auf ein dumpfes pulsieren im ellenbogen reduziert hat, ist mein hirn einer systematischen überlegung zugänglich, wie ich mich selbst an den haaren aus dem sumpf potentiell ins unendliche ineinander verschachtelter träume ziehen könnte. sofort fällt mir dann auch Lems "Solaris" ein, die darin dargestellte methode scheint mir in ordnung zu sein. ich müßte sie nur für mich, meine fähigkeiten und möglichkeiten modifizieren, nachdem ich die exakten voraussetzungen geprüft habe. zunächst gehe ich davon aus, daß ich ein mensch im sinne der empirischen realität bin, mein hirn also nicht mehr zu bieten hat als bewußtes und unbewußtes, ich also mit dem leistungsumfang des hirns im wesentlichen vertraut bin. außerdem setze ich voraus, daß mathematik und logik im prinzip wahn- und alptrauminvariant sind, zusammengefaßt, daß, falls ein wahn oder traum vorliegt, dies ein normaler menschlicher wald und wiesen traum ist, ich also außerhalb dessen in der empirischen realität existiere, ein solipsistische variante schließe ich also aus. ferner setze ich voraus, daß dieser traum diese realität im wesentlichen innerhalb meines hirns simuliert, wäre das nicht der fall, wäre er wohl ohne probleme an der mangelnden authentizität als traum erkennbar. ich setze mich also an den computer und lasse diesen mit numerischer integration nach Gauß eine etwas kompliziertere, noch hinreichend gutmütige, elementar integrierbare funktion über ein willkürlich gewähltes intervall integrieren, so daß mir das ergebnis nicht vorher bekannt ist. meine überlegung dabei ist die, daß ich im traum niemals auch nur annähernd in dem tempo numerisch integrieren könnte wie der computer, das dabei nach einiger zeit herauskommende näherungsweise korrekte ergebnis innerhalb der rechengenauigkeit des angewendeten verfahrens also entweder mathematisch korrekt oder falsch ist. ist es falsch, ist das ergebnis und damit auch der computer bestandteil des traums, ist es korrekt, existiert der computer unabhängig von mir, damit der gesamte rest meiner umwelt, ich träume dann also nicht. zur überprüfung des nun bald auf dem bildschirm zu erwartenden ergebnisses hole ich bleistift und einen stoß papier und ein script herbei und beginne mit der geschlossenen integration. der computer wird etwas eher fertig sein als ich, doch steht das ergebnis erst einmal vor mir auf dem bildschirm, ist es in einem traum mit den geforderten voraussetzungen fest und mein ergebnis durch das geschlossene integrieren davon unabhängig und umgekehrt. komme ich also ohne mich verrechnet zu haben auf ein ergebnis, welches innerhalb der grob abzuschätzenden fehlergrenzen des computers liegt, ist alles in ordnung, sonst sollte ich mir sorgen um meinen geisteszustand machen.

ich rechne, der computer rechnet, das ergebnis, die gewißheit naht, ist etwa doch alles nur ein wahn, "a dream within a dream"? ...

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