Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Das Mehrchen vom Wenigchen
Ein Märchen

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2000

Es war einmal ein ansonsten ehrenwerter Herr, der sich Jahre seines Lebens mit der Rechtschreibreform befaßt hatte.
Nun saß er grübelnd an seinem Schreibtisch, der über und über mit gelehrten Büchern bedeckt war. Vor sich hatte er einen Stapel Blätter mit neuen Vorschlägen liegen, daneben stand ein Glas und eine nunmehr fast leere Flasche Wein.
Der Herr grummelte vor sich hin. Er war sich ja bewußt, die letzte Rechtschreibreform war zerredet worden und nur ein schwacher Abglanz der ursprünglichen Pläne und Möglichkeiten, doch immerhin ein Anfang. Denn längst hatten er und seine Mitstreiter begonnen, ein größeres Werk vorzubereiten, nicht nur eine Nachbesserung, sondern eine Neuerung der deutschen Sprache.

Mit sich eigentlich ganz zufrieden ging er noch einmal seine heutige Ausbeute durch. Es war auch schon spät und es war wohl doch etwas viel Wein gewesen. Müde sank sein Kopf einfach auf den Stapel Papiere, und er schlief ein.

Er träumte, er sei wieder ein Kind und spielte im Sandkasten mit einem Rehförmchen. Bereits eine ganze Herde Rehe hatte er in den Sand gedrückt. Die Situation war trotzdem etwas bizarr, zwar hatte er die Gestalt eines Kindes und auch das Rehförmchen in der Hand, doch seine Gedanken waren die eines Erwachsenen und drehten sich um Reförmchen.

Verwirrt spielte er mit dem Rehförmchen in der Hand, sein Blick fiel auf ein Märchenbuch, welches neben dem Sandkasten lag.
Wie von selbst zogen seine Fingerchen Zeilen und Spalten einer Tabelle in den Sand - zwei Spalten, oben drüber alt / neu. In die Zeilen schrieb er einige Vorschläge zur neuen Rechtschreibung, die er sorgfältig recherchiert hatte. Er entspannte sich. Nach einer kleinen Pause kritzelten seine Fingerchen mit einem Mal wie von selbst mit dem Rehförmchen in den Sand: Märchen / Mehrchen. Er schaute und staunte. Dann lächelte er, welche hübsche Wortschöpfung.

Eigentlich wollte er diese Wörter schon wieder wegwischen, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Er wandte sich dann doch dem Rehförmchen wieder zu und vergrößerte die Herde wieder, während die Wörter nun ungehindert dort im Sand standen und irgendwie an Substanz gewannen.

Nun wird der geneigte Leser sagen, daß ein Wort, in den Sand geschrieben und von niemandem ernst genommen, nicht wirklich eine Gefahr darstellt. Doch so einfach geht es in der Welt der Worte nicht zu. Einmal gedacht, gewinnen die Worte schnell eine eigene Existenz und bekommen leicht eine starke Eigendynamik, wenn das Gleichgewicht der Begriffe verändert wurde.
Tatsächlich tat sich im semantischen Raum Bedrohliches.

Oh, nun fragt sich der Leser natürlich, was denn ein semantischer Raum nun schon wieder ist. Da will ich das kurz erklären.
Alles auf der Welt hat ja nun irgendwo ein Zuhause, einen Ort, an den es gehört, eine Schublade, in der es abgelegt wird, wenn es gerade einmal nicht gebraucht wird.
Die Wörter nun leben eigentlich im semantischen Raum und kommen in unsere Welt nur zu Besuch, wenn sie jemand ausspricht oder gerade liest. Einige Wörter sind da natürlich viel unterwegs, dafür lassen es andere umso ruhiger angehen und gehen nur selten auf Reisen. Wenn die Wörter nun flüchtig wie ein Windhauch durch unsere Welt eilen, erwecken sie in den Beteiligten einen Eindruck von ihrer Bedeutung - und so nehmen wir sie wahr, durch das, was wir unter dem jeweiligen Wort verstehen. Und weil das alles so flüchtig und schnell geht, mißverstehen wir einander auch oft, weil ja jeder auch seine eigene Bedeutung der Wörter in seinem Kopf hat.

Im semantischen Raum hingegen geht es immer sehr ausgeglichen zu. Und wenn die Begriffe nicht in sich selbst ruhen, dann haben sie einen Gegenpart, der das Gleichgewicht halten muß:
Das Böse und das Gute, wahr oder falsch, oben und unten. Auch das Allumfassende, das Universum hat sei Gegenpart, das Vakuum, die Leere. Doch zum Glück beinhaltet das Universum seinen Gegenpart selbst, so daß es gar nicht aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Bei den gegensätzlichen Paaren sieht das aber ganz anders aus. Und wenn noch mehr Begriffe notwendig sind, um das Gleichgewicht zu halten, wie etwa bei den Farben, so ist alles noch viel komplizierter. Aber solche Wortpaare wie schön und häßlich, voll und leer, mehr oder weniger veranschaulichen schon das wesentliche Prinzip.

Und beim letzten Paar sind wir bereits bei unserem Problem angelangt. Einmal entstanden und niedergeschrieben stand das arme Mehrchen nun alleine im großen semantischen Raum. Je länger es dastand, desto mehr geriet das Gleichgewicht ins Wanken.

Nun konnte dazu ja weder jenes Rehförmchen etwas, noch das arme Mehrchen, denn im Augenblick des Entstehens ahnten sie beide nicht die zwangsläufigen Folgen der Tat.

Der semantische Raum ist allerdings robuster als man so gemeinhin denkt, auch Reformen oder Rehformen können ihm an sich nicht so viel anhaben. Auch Worte ohne Gegenpart stellen zumindest für den semantischen Raum kein langfristiges Problem dar, denn die Notwendigkeit des Gleichgewichtes erzeugt innerhalb kurzer Zeit einen Gegenpart, um wieder ein sanftes Pendeln um die Gleichgewichtslage zu ermöglichen.

So war es auch in diesem Falle.
Spontan entstand das Wenigchen, und das Mehrchen war fortan nicht mehr allein im semantischen Raum. Das Problem des Gleichgewichtes der Wörter war gelöst. Doch in den Bedeutungen gab es weiterhin ein großes Ungleichgewicht.

Während das Mehrchen ja problemlos nahezu die gesamte Bedeutung mit dem alten Märchen einfach teilen konnte und mit ihm in friedlicher Koexistenz leben, tat sich mit dem Wenigchen eine große Bedeutungssenke im Raum der Wörter auf. Was konnte es nun bedeuten, welches Verständnis sollten die Menschen gewinnen, welche Definition vor Augen haben, wenn dieses Wort einmal durch ihr Bewußtsein reiste?
Das Märchen noch hatte wie das Universum seinen Gegenpart in sich, ohne eigenen Namen dafür, da gab es immer gut und böse, alt und jung, schön und häßlich, richtig und falsch, arm und reich...
Was sollte da also das Wenigchen?
Man kann vermuten, durch schieren Zufall geriet es mit seiner inneren Bedeutungsleere in die Nähe der Leere, die allmählich diesen Freiraum zu füllen vermochte.

Im semantische Raum zumindest war damit der Fall erledigt, doch in unserer Welt hatte das fatale Auswirkungen. Plötzlich war es einfach so, daß die Erwachsenen schon immer weniger Zeit für ihre Kinder gehabt hatten und ihnen kaum noch Mehrchen vorlasen. Stattdessen gab es in letzter Zeit zum Beispiel viel mehr Börsenkurse als Gutenachtvorlesungen. Und oft blieb nicht einmal mehr Zeit für so ein Wenigchen.

Märchen, die noch vor Jahrzehnten mehrere hundert Seiten lang waren, schrumpften über die Jahre auf wenige Seiten oder sogenannte Kilobytes zusammen. Andere Märchen lösten sich ganz auf.

Verlage kürzten einfach Mehrchen zu Wenigchen zusammen und vieles Märchenhafte war unwiederbringlich verloren. Niemand vermag sich heute noch an das Märchen vom Glockenprinzen zu erinnern oder das Märchen vom Prinzen und den dreizehn Feen zu erzählen. Auch Wilhelms Schicksalsfahrt und Prinzessin Wilmas drei Fragen - alle längst vergessen - versucht es doch selbst einmal und erzählt mir diese! Andere wie gesagt, so stellt man grimmig fest, sind zu kurzen Wenigchen geschrumpft - manche gar auf Geldscheingröße - ich kann sie gar nicht alle mehr mit ihren Namen nennen!

So hielt das Wenigchen auf geheimnisvolle und unheilvolle Weise Einzug in unsere Welt - und weil es so bedeutungsleer war, hielt es sich nicht nur damit auf, dem Mehrchen an Substanz zu rauben, nein es etablierte sich auch in den sogenannten neuen Medien, versteckt in leichter Fernsehkost und bunten Werbespots und - bannern und vielen anderen Zeitvertreiben unserer Zeit.

So vermochte das Wenigchen schnell das Mehrchen an Bedeutung zu verdrängen. Da es aber eben nur ein Wenigchen war, blieb es scheinbar unauffällig im Hintergrund, während sich die Menschen für diese Wenigchen andere Namen ausdachten, die mit dem Wenigchen in friedlicher Koexistenz leben konnten...

An dieser Stelle des Traumes wachte aber unser Re(h)former schweißgebadet und schlagartig nüchtern auf, schüttelte den Kopf und stolperte zu seinem Bett.
Im Schein seiner Schreibtischlampe war nur kurz irgendwo zwischen den Worten seiner Tabelle etwas zu erkennen, was der Herr nie selbst geschrieben hatte: Märchen / Mehrchen, beachte aber - Wenigchen!
Es verblaßte nicht geradezu, nein es war vielmehr das Wenigchen selbst, welches es so unauffällig machte, daß wohl jeder leicht darüber hinweglesen wird, ohne dem Aufmerksamkeit zu schenken...

Also liebe Leser, gebt nur genau acht, was ihr schreibt, denn bedenkt, der semantische Raum sorgt für ein Gleichgewicht der Worte, egal was das für Folgen auf unsere Welt haben mag - und solltet ihr gar einmal in einer Reformkommission sitzen, so paßt bloß auf, welche Reformen da unterschrieben werden sollen - denn wie schnell ist da ein Wenigchen übersehen...

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