Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

Vorwort

Man ahnt es bereits am Titel, bei diesem Kunstmärchen handelt es sich um eine Variation eines alten Themas, bei welchem ein Mensch aus irgendwelchen Gründen in einen Frosch (hier eine Kröte) verwandelt wird und dann nur durch eine bestimmte Interaktion mit einem anderen Menschen zurückverwandelt werden kann. Am bekanntesten von den Märchen dieser Themengruppe ist wohl jenes, welches die Brüder Grimm aufgezeichnet, nachbearbeitet haben und welches unter dem Namen: 'Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich' bekannt ist. Es gibt aber zahlreiche weitere.

Oft wird bei den alten Texten ausgespart, warum genau solch ein Mensch in solch eine Amphibie verwandelt wurde. Verschlüsselt ist darin fraglos die Frage, wie man auf andere wirkt durch die eigene Erscheinung oder allgemeiner die eigene Wirkung auf andere oder auch umgedreht, was insbesondere beim Froschkönig die größere Rolle spielt, wenn das pubertierende Mädchen in dem interessierten Mann zunächst nur ein abstoßendes Wesen sieht, im Rahmen der aufkeimenden Sexualität aber trotzdem bereit ist, darauf einzugehen, beim Fröschkönig zudem unter Druck des Vaters.

Dieser Text bietet Varianten dazu an, wie es zu den Verwandlungen in eine Amphibie kommt, welche sich zum guten Teil an die Motive der Märchen anlehnen, aber sicher auch ähnlich im übertragenen Sinne verstanden werden können. Spannend ist es aber natürlich auch, wie eigentlich überzeugt wird, daß es zu einer Interaktion mit einer Amphibie kommt, um die Rückverwandlung zu bewirken, zweifellos aber auch, was die beiden Akteure danach anstellen und wie sich die Dinge entwickeln, auch darauf wird in dieser Geschichte näher eingegangen.

Sofern es nicht um die wenig wirklich traurigen Passagen im Text geht, behandeln die Hauptprotagonisten ihr Schicksal in dieser Geschichte mit Haltung, Humor und einem intuitiven Gespür für die Skurrilität des Lebens, in dem sie ihren Platz zu finden hoffen. Im Sinne von Bertolt Brecht könnte man einiges davon als Verfremdungseffekte deuten, welche bei klassischen Märchen noch unbekannt waren. Gerade solche beabsichtigten Brüche erlauben es jedoch auch, einen anderen Blick auf das Genre Märchen zu werfen, auch auf das verwandte Genre Fantasy, welches oft recht unnötig in beliebiger Magie und Phantastik schwelgt, eher eine Flucht aus der Realität vortäuscht, während im Märchen der Bruch mit der Realität nach festgelegten Regeln eher dazu genutzt wird, um Sachverhalte verschlüsselt oder als Metapher aufzugreifen, um sie dem Leser näherzubringen. Allerdings ist eine lange Zeit seit der Entstehung solcher Märchen vergangen. In aktuellen Texten wird man zurecht erwarten oder erhoffen, daß inzwischen erreichte Erkenntnisse und Wertmaßstäbe berücksichtigt werden, unter anderem natürlich auch nicht unreflektiert historische Geschlechterrollen stereotyp übernommen werden. Auch daraus entsteht eine Spannung, vielleicht gar ein Verfremdungseffekt in dem Genre, der äußerst interessant ist, um neue Texte zu realisieren. Die Charaktere sind nicht mehr so stereotyp und linear und nicht mehr so eindeutig in eine klassische Schublade gesteckt, die Ideale, wie man als Mensch im Allgemeinen oder als Mann oder Frau im Spezielleren ist und wie man angemessen handelt, sind heute einfach andere - und das zurecht!
Jedenfalls tauschen hier die Rollen etwas, ist es sonst eher ein Prinz in Gestalt eines Frosches, geht es in dieser Geschichte um eine Prinzessin in Gestalt einer Kröte, die per Kuß zurückzuverwandeln ist.
Auch aus Sicht des Mannes erscheint die Frau oft als rätselhaftes Wesen aus einer komplett anderen Welt, im übertragenen Sinne als Kröte, mit der nicht einfach umzugehen ist, die Forderungen stellt, denen man(n) nicht immer unbedingt nachkommen mag. Sie sind sprunghaft, launisch und ihr Verhalten ist oft überraschend, ihre Äußerungen sind öfter auch mal rätselhaft wie die Laute einer Kröte, nicht zu verstehen und recht wunderlich. Auch in diesem Sinne paßt die Umkehrung der Rollen gut. Auch als Mann steht man oft vor der Herausforderung, erst einmal Kröten zu küssen (zu schlucken?), bevor sich vielleicht einmal die richtige findet oder man sich mit einer arrangieren kann.

Das Kußmotiv ist in diesem Zusammenhang des Findens eines Partners oder einer Partnerin zwar recht populär, in den klassischen Texten aber nicht zu finden, wird hier aber genutzt, auch weil die klassischen Varianten teils eher verschlüsselte drastischere sexuelle Aktivität nahelegen, die hier aber deutlich vom magischen Akt der Verwandlung getrennt wird, ohne damit abstreiten zu wollen, daß ein ordentlicher Kuß eine ganze Menge bewirken kann, auch oder gerade in sexueller Hinsicht. Im Laufe der Geschichte muß der Retter allerdings noch weitere (männliche) Kröten küssen und so zeigen, daß er neben dem sexuellen Aspekt auch altruistisch leistungsfähig ist, um vor der Prinzessin zu bestehen. Eindeutig heterosexuell angelegt, muß er so seine Scheu überwinden, jenseits seiner Rolle menschlich bestehen.

In klassischen Märchen kommt es öfter vor, daß ziemlich unverschlüsselt über grauenhafte Gewalttaten berichtet wird, so daß derartige Texte eigentlich nicht für Kinder besonders geeignet erscheinen, ursprünglich auch nicht primär für diese gedacht waren, trotzdem scheinen sie zur klassischen Kinderliteratur zu gehören. Auch in diesem Text wird in eher kleineren Textpassagen Gewalt und Mißhandlung beschrieben, daher sollten Eltern gegebenenfalls vor dem Vorlesen eingehend prüfen, ob diese Passagen inhaltlich in ihr Erziehungskonzept passen oder wie man gegebenenfalls auf Rückfragen von Kindern geschickt eingeht. Die Schilderungen sind allerdings weder detailliert noch sehr explizit, von daher schwelgt der Text nicht in Gewaltphantasien, sondern beschränkt sich auf das für die Handlung Notwendige. Die ärgsten Dinge werden zudem recht distanziert und relativ knapp geschildert, weil es inhaltlich wenig sinnvoll erscheint, Leser durch Details zu schockieren, die für den eigentlichen Text nicht gebraucht werden.

Auch sexuelle Motive kommen in Märchen oft vor, zumeist mehr oder weniger verschlüsselt, was meist der Entstehungszeit geschuldet ist. Sexualität gehört unmittelbar zum eigentlichen Grundmotiv, daher wird es hier nicht ausgespart, sondern angemessen behandelt. Die Protagonisten gehen letztlich halbwegs offen damit um, aber auch mit dem Sachverhalt, sich dem Thema in Wort und Tat als junger Mensch erst einmal eher mit etwas Scheu zu nähern. So werden die eigentlichen Aktivitäten hier zumeist auch mit allerdings recht eindeutigen Metaphern oder Allegorien oder Parabeln beschrieben. Alberne Prüderie ist hier dann auch nicht zu finden, die Beschreibungen sind allerdings auch nicht allzu explizit durch die Verwendung genannter Strukturen. So oder so ist auch hier zu prüfen, ob die Lektüre zum Erziehungsmodell für die eigenen Kinder paßt.

Formal sind die hier einmal kurz als erotischer Inhalt zusammengefaßten Bestandteile der Geschichte sicher bei der Kernthematik angemessen, aber es ist ja doch erstaunlich, daß bei vielen Leuten bei sexuellen Themen deutlich mehr Vorbehalte vorzuliegen scheinen als bei der Schilderung brutaler Gewalt, daher auch hier der Hinweis zur Prüfung, der aber auch genutzt werden kann, um die eigene Gewichtung zu überdenken und zu hinterfragen, wie man an ein angemessenes, natürliches, tolerantes und sozial verantwortliches Verhalten gegenüber Mitmenschen heranführt, wenn man die recht unverschlüsselte Darstellung brutaler Gewalt in verschiedensten Medien nicht einmal hinterfragt, die Darstellung von Zuneigung und menschlicher Sexualität aber schon.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D