Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Weite Reise ohne Aussicht

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1995-05-20/23, 1995-07-03

Guide Vocal

(Duke's Travels)
I am the one who guided you this far,
All you know and all you feel.
Nobody must know my name
For nobody would understand,
And you kill what you fear.
(And you fear what you don't understand.)
I call you for I must leave,
You're on your own until the end.
There was a choice but now it's gone,
I said you wouldn't understand,
Take what's yours and be damned.

Genesis

Es ist wie beinahe jeden Wochentag, K. geht aus der Kantine hinaus, auf den Fahrstuhl zu. Inzwischen hat er nach etwa einem halben Jahr Übung Routine darin, den Zeitpunkt seines Aufbruchs aus der Kantine und das Tempo seiner Schritte so genau festzulegen, daß Frau S. aus der Management-Etage den Fahrstuhl nach ihm gerade erreicht, nachdem er diesen betreten hat. Er nickt ihr zu, sie zurück, dreht sich den Knopf ihrer Etage drückend zur Fahrstuhltür um. Wieder wie jedes Mal gleitet sein Blick über ihre Gestalt, Zentimeter für Zentimeter streichen seine Augen über das elegante Kostüm, welches ihren wohlgeformten Körper umhüllt, über die Strumpfhose, die ihre Beine vor seinen Blicken einerseits verbirgt, andererseits mit formvollendetem Sitz geradezu ihr Innenleben preist und die Augen des Betrachters erst recht gleich einer Magie auf die Beine der Trägerin lenkt. Seine Augen wühlen in ihrem wunderbaren Haar, tasten darin nach ihren Ohren, ihrem Nacken, ihren Schultern.

Es dauert immer nur wohlige Sekunden. Doch schon die Erwartung ihres Anblicks, ihrer physischen Nähe, ihres kurzen Zunickens führt bei ihm auf dem Weg zum Fahrstuhl immer zu einer unwillkürlichen Reaktion, die seine Hose spannt.

Aber es ist hoffnungslos. Er schließt einen Moment lang frustriert über sich selbst die Augen, öffnet sie aber gleich wieder, damit ihm nichts entgeht. Er spricht sie nie an, sie steigt wie immer aus, er fährt weiter.

K. fragt sich, was er überhaupt hier tue, während der Fahrstuhl weiterfährt, seine Anwesenheit hier, sein Job, sein Kopf, seine Existenz: Sinnlos, nutzlos, leer, fade. Er ist nicht fähig, daraus auszubrechen, etwas wirklich anderes zu tun. Er scheint förmlich zu spüren, wie er mit dem Strom der Zeit gleichmäßig dahintreibt. Trotzdem erscheint es ihm, als bewege sich eigentlich nichts mehr seit er nach Beendigung dieses Studiums vor gut einem halben Jahr diesen Job angenommen hat. Nun gut, vorher hat sich eigentlich auch schon nichts mehr bewegt. Alles, was vom Gewohnten abweicht, scheint unüberwindliche Mühe zu kosten. Der Zeitstrom ist um ihn herum in den letzten ein oder zwei Jahren immer zäher geworden und macht jede Bewegung zu einer Anstrengung. Dagegen wirkt S. frisch, jung und dynamisch. Natürlich beherrscht er auch die Rolle des aufmerksamen, dynamischen und selbstsicheren Mitarbeiters. Spielt sie vielleicht auch nur ihre Rolle?

Jeden Tag das gleiche Schema, der Weg zum Büro, das Verschieben von Zahlen und Wörtern im Rechner oder auch nur auf Papier - was man so anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung oder Verwaltung derselben nennt. Was soll das? Aber auch: Warum sollte K. daran etwas ändern? Es ist das Gleichgewicht einer konkretisierten Möglichkeit der Existenz: Alltag, ereignisloser Alltag.

Die sekundenlange Fahrstuhlfahrt mit S. läßt einen Sonnenstrahl in das Dämmerlicht seines Lebens fallen. Ein heimlich gestohlener Sonnenstrahl zwar, doch gerade deswegen besonders begehrenswert und in dieser Form nicht mit unabsehbaren Schwierigkeiten verbunden. Zwar ist es sein Höhepunkt des Tages, trotzdem gehört es irgendwie schon zum Alltag dazu, da es an vielen Tagen gelingt, die Fahrstuhlfahrt so zu arrangieren.

Vor K. öffnet sich die Fahrstuhltür, noch in der Erinnerung an den Anblick von S. versunken, tritt er aus dem Fahrstuhl heraus. Die Tür schließt sich hinter ihm.

Was jetzt eigentlich passieren sollte, ist ziemlich klar. Er sollte einen ziemlich langen Flur entlanggehen, zu seinem Büro. Dieser Flur ist so lang, daß man die Erdkrümmung zu sehen meint, so daß das Ende des Flures nicht nur durch die perspektivische Verkleinerung im dämmrigen Ungewissen zu verschwinden scheint, sondern man unwillkürlich vermutet, daß es auch hinter dem Horizont liegen sollte, was objektiv natürlich in guter Näherung auf einer Täuschung der Sinne beruht. Außerdem tritt der räumliche Eindruck dabei unwillkürlich in Wechselwirkung mit der psychischen Verfassung des Beobachters.

Was tatsächlich passiert, ist, daß K. augenblicklich stehenbleibt, weil er bemerkt, daß er sich nicht auf beschriebenem Flur sondern in einem Raum von indifferentem Grau befindet. Er überlegt, kehrt in Gedanken zurück in den Fahrstuhl. Selbstzweifelnd prüft er die These, in einem falschen Stockwerk zu sein. Doch jedes Mal, bevor er aussteigt, blickt er ganz automatisch auf die Anzeige des Fahrstuhls. Die Erinnerung an den heutigen Blick auf die Anzeige überlagert sich diffus mit all den anderen Blicken auf die Anzeige in den vergangenen Wochen und Monaten. Auch heute ist es die korrekte Anzeige gewesen, aber er ist nicht auf dem erwähnten Flur.

K. ist nicht geradezu beunruhigt, dazu ist sein Arrangement mit der Sinnlosigkeit und Leere in seinem Hirn zu fest geknüpft, welches weitgehend verhindert, daß noch irgendwelche nennenswerten Informationen an die Oberfläche seines Ichs treten. Vielleicht wenn sich S. ihm zuwendete, ihn anlächelte, ihn anspräche, geriete das Arrangement etwas ins Wanken, über die unwillkürliche Reaktion hinaus, die zur Spannung seines Hosenstoffs führt.

K. stellt fest: Fakt ist, daß er bei der korrekten Anzeige ausgestiegen ist. Offensichtlich ist die jetzige Situation nicht dem Alltag entlehnt, obwohl kaum weniger bizarr und absurd. Das, was er um sich herum wahrnimmt, ist auch nicht irgendeine andere Etage des Gebäudes.

Irgendetwas in seinem wohlgeordneten Alltag ist wohl ohne sein gezieltes Dazutun schief gegangen, und plötzlich steht er mitten in einem Woanders.

In der Absicht, sich Schwierigkeiten zu ersparen und in die alltägliche Absurdität der Existenz zurückzukehren, wendet sich K. wieder der Fahrstuhltür zu, doch kann er nirgendwo einen Knopf zum Drücken finden, um den Fahrstuhl zurückzurufen. Ihm sind die Herausforderungen eines jeden ganz normalen Wochentages genug, der Weg zur Arbeit, der Blick auf den Rechner, endlose Besprechungen mit den Kollegen, Arbeit ohne großartige Höhepunkte, das Essen in der Kantine, die herrliche Fahrstuhlfahrt mit S., dann wieder Arbeit und zurück zu seiner Wohnung, sich bis zum Insbettfallenlassenundschlafen irgendwie beschäftigen.

Messerscharf denkt er an der Realität vorbei und über seine gegenwärtige Situation nach. Was soll er denn in diesem grauen Nichts, in diesem Woanders, was geht ihn das an. Es ist aber kein Knopf vorhanden, um den Fahrstuhl zu rufen. Aber, so stellt er fest, wie sollte man auch einen Fahrstuhl aus dem Alltag ins Woanders rufen. Der Weg hierher war ohne Zweifel eine Einbahnstraße.

Also geht er mit sich in Beratung, was zu tun sei, was soll er hier? Was kann er hier tun? Wie kann er zurückkommen? Er sollte sich eigentlich sorgen, doch in ihm regt sich schon lange nichts derartiges mehr. Er sollte sich eigentlich wundern, doch akzeptiert er die Situation genauso gelassen wie den obligatorischen Soßenfleck auf dem Hemd, wenn es in der Kantine einmal wieder Fleischspieß zum Mittag gibt. Er sollte die Möglichkeit eines solchen Ereignisses kategorisch ablehnen, aber er ist als Physiker an bizarrere Bilder der Realität gewohnt.

Der Einfachheit halber führt er zum Zwecke der Beratung ein Abbild seiner selbst, die Person K'. ein. Mit ihr kann er sich über die Problematik unterhalten, sie kann er um Rat fragen.

K. spricht zu K'., was jetzt wichtig sei, sei, wie es hier wieder hinausgehe.

K'. stimmt dem zu, natürlich liege es nicht in K.s Interesse, sich in irgendwelche bizarre Abenteuer in einer merkwürdigen Umgebung zu stürzen. Doch bevor es möglich sei, einen Ausweg zu finden, sollte doch wohl erst einmal die Umgebung etwas konkretisiert werden.

K'. schnippt mit den Fingern, und in dem Grau des Raumes zeichnen sich nun deutlich Boden, Decke und Wände eines durch sie begrenzten Raumes ab.

K'. meint dazu, K. habe nun eine Umgebung um sich, die schon etwas normaler sei.

K. unterbricht, das sei zwar wahr, doch einen Ausweg sehe er noch immer nicht.

K'. schnippt daraufhin noch einmal mit den Fingern, und es erscheinen drei Türen in der dem Fahrstuhl gegenüberliegenden Wand.

K. meint, nun gut, drei Türen, aber nun stelle sich wieder die Frage, welche er davon auswählen solle?

K'. erwidert, das sei ja nun wieder typisch, diese Unwilligkeit, sich für etwas zu entscheiden, er solle nun für K. entscheiden. Natürlich sei er ja genauso unschlüssig, schließlich seien sie ja eigentlich beide die gleiche Person, da könne man eigentlich nicht erwarten, daß er als Hilfskonstruktion entscheidungsfreudiger sei als sein Gegenüber.

K. gibt aber zu bedenken, schließlich sei er eigentlich dazu eingeführt worden, um ihm Ratschläge zu geben.

K'. nickt nun, natürlich habe er Recht, doch wisse er ja von sich selbst, wie gerne er sich um Situationen herumdrücke, die definitive Aussagen von ihm verlangten, solange er nicht absolut sicher sei, doch das sei im wirklichen Leben nun ja nahezu immer ausgeschlossen. Aber nun gut, er müsse einräumen, er sei hier wohl in der Rolle des Ratgebers oder zumindest derjenige, der entscheidungsunterstützend wirken solle. Er könnte ja nun beginnen, etwas über verschiedene Möglichkeiten zu erzählen, eventuell über einen ewig langen, sicheren Weg, einen kurzen, aber sehr gefährlichen Weg und einen, der unvermeidlich ins Verderben führe.

K. möchte daraufhin wissen, ob es irgendwelche Kriterien gebe, nach denen man die Möglichkeiten den Türen zuordnen könne, oder wie er da auswählen könne, wenn die Wege nicht entsprechend gekennzeichnet seien. Selbst wenn das geklärt sei, sei es dann immer noch eine gewichtige Entscheidung zwischen den beiden möglichen Wegen.

K'. lacht, zum einen läge der Reiz der Sache gerade darin, daß man nichts über die Zuordnung wisse. Zum anderen habe er nicht behaupten wollen, daß es mit den verschiedenen Türen tatsächlich so sei, daß ihn hinter ihnen die jeweiligen Schicksale erwarteten. Wenn K. sich vielmehr zurückerinnere, so habe er sinngemäß einmal gesagt, daß die Freiheit des Individuums in dieser Konsumgesellschaft darin bestehe, aus diversen Pseudoalternativen auszuwählen. Wenn das stimme, was mache er sich also jetzt Sorgen, daß es irgendeine Bedeutung habe, welche Tür er wähle. Gewißheit darüber gebe es letztlich natürlich nicht, auch hinter der Möglichkeit der Pseudoalternativen stehe ein entschiedenes Vielleicht.

Was wichtig sei: Nach der Wahl einer Tür gebe es dann keine Möglichkeit mehr, Entscheidungen der Vergangenheit rückgängig zu machen, das sei einfach eine Eigenschaft der Unumkehrbarkeit der Zeit in der menschlichen Realitätswahrnehmung. Wozu denke er also darüber nach, was ihn hinter den Türen erwartet hätte, die er nicht wählen wird. Das sei dann völlig uninteressant. Er solle sich nur einmal daran erinnern, mit welcher Leichtigkeit und Unbeschwertheit er sonst derartige Pseudoalternativen-Probleme löse, wenn er sie schon einmal nicht ignorieren könne. Und im Rückblick sehe es dann immer so aus, als sei die gewählte Alternative im Grunde die einzig akzeptable Möglichkeit gewesen.

K. meint aber, es gehe sicher auch noch anders. Die ideale, richtige Tür sei jene, die direkt wieder in sein Büro führe oder in seine Wohnung oder sonst einem vertrauten Ort. Er müsse die Türen nur öffnen und schauen, dann werde er sehen, was dahinterliege, ohne sich gleich entscheiden zu müssen.

Während K. daraufhin gleich auf die Tür ganz links zugeht, um sie zu öffnen, meint K'. noch warnend, das werde nicht funktionieren, doch K. hat schon die Klinke in der Hand und drückt sie hinunter, zieht die Tür auf.

Zu sehen sind nur ein paar Meter eines Ganges, der dann im rechten Winkel nach rechts abbiegt. K. läßt die Tür los und erkennt, daß die Tür von alleine wieder zufällt. So geht er nicht hinein, sondern weiter zur mittleren. So sehr er sich auch bemüht, sie ist nicht mehr zu öffnen.

K'. versichert ihm, das liege daran, daß er bereits eine geöffnet habe, die habe er nun auch zu benutzen.

Ohne zu antworten geht K. zur letzten, doch auch diese ist verschlossen. Also geht er zurück zur ersten. Jetzt ohne weiter zu überlegen durchquert er sie, die hinter ihm zufällt, während er um die Ecke des Ganges biegt.

Wie sinnlos seine Bemühungen und Überlegungen in der Tat gewesen zu sein scheinen, zeigt sich nun, denn er bemerkt, daß auch die beiden anderen Türen auf diesen Gang führen. Nur zur Probe drückt er die Klinke der mittleren von der anderen Seite herunter. Er kann die Tür öffnen, schaut in den Raum mit der Fahrstuhltür, in dem sich noch K'. befindet.

Der lacht, er habe es ja gleich gesagt, Pseudoalternativen, es seien im Grunde immer nur Pseudoalternativen. Doch es sei schon zu lange geblieben, er müsse nun gehen.

Gleichzeitig öffnet sich die Fahrstuhltür und K'. steigt ein. K. eilt auf den Fahrstuhl zu, der sich schon schließt. K'. winkt ihm noch zum Abschied zu, lacht vergnügt, dann ist die Tür zu. K. erreicht sie zu spät, er versucht noch, sie aufzureißen, doch vergeblich. Er ist allein, ohne allzu große Anstrengung schlägt er gegen die Fahrstuhltür, der das nichts ausmacht. K. schlägt natürlich nicht so fest zu, daß es ihm wehtun könnte, das brächte ihn ja auch nicht weiter.

Schließlich zuckt er die Schultern, murmelt: Pseudoalternativen. Immerhin, so überlegt er, sei es möglich, daß das Hinterdentüren erst dadurch festgelegt werde, daß man eine von ihnen öffne. Doch in der Tat habe es keinen Sinn, Entscheidungen der Vergangenheit rückgängig machen zu wollen oder über nicht mehr zugängliche Alternativen nachzudenken. Durch nichts hätte er den Informationsgehalt der Situation erhöhen können, so daß eine willkürliche Auswahl einer Tür das einzig mögliche Verfahren gewesen sei, um sich zu entscheiden, Pseudoalternativen. Wieder geht er durch die linke Tür, da die mittlere von dieser Seite wieder verschlossen ist. Er geht den Gang weiter, probiert die letzte Tür sicherheitshalber noch einmal von der anderen Seite, doch auch sie führt in den Fahrstuhlvorraum zurück.

So geht er weiter, um eine weitere Biegung herum gelangt er auf einen Flur von gewaltiger Länge, von dem in unregelmäßigen Abständen weitere Flure und Gänge abzuzweigen scheinen, sonst sind nur gerade, glatte Wände zu erkennen. Anders als in den Bürofluren hat man hier nicht den Eindruck der Erdkrümmung, lediglich die perspektivische Verkleinerung bleibt. Der Gang scheint sich ins Unendliche auszudehnen.

Noch bevor K. über das weitere Vorgehen nachdenken kann, tritt eine Gestalt aus einem Seitengang auf den Flur und geht diesen, sich von K. entfernend den Flur entlang. Die Gestalt ist allerdings so weit von ihm entfernt, daß K. zunächst nichts Genaues erkennen kann. Dann erkennt er jedoch den Gang der Person wieder, der sich tief in sein Hirn eingegraben hat, auch die Kleidung paßt zu seiner Vorstellung, soweit sie über die Entfernung erkennbar ist. Es muß S. sein! Ohne einen Moment der Überlegung eilt er ihr nach. Er läuft eine ganze Weile, schon will er rufen, doch die Stimme versagt ihm, nur ein leises Krächzen bringt er zustande, welches von dem Flur augenblicklich verschluckt wird. Obwohl sie nur geht und er läuft, verkürzt sich der Abstand nur unwesentlich. Nicht an körperliche Anstrengung gewöhnt, ist er schon bald durch das Laufen erschöpft, trotzdem läuft er weiter.

Sie verschwindet in einem Seitengang, er merkt sich aus der Ferne den richtigen Gang, endlich dort angekommen, hastet er um die Ecke, gerade sieht er noch, wie sie wiederum in einen anderen Flur abbiegt. Nun ist er doch schon deutlich näher, folgt ihr auch in diesen Flur. Hört sie sein hastiges Atmen nicht? Seine Schritte werden vom Boden verschluckt, stark dämpfen die Wände jeden Laut. Sie dreht sich nicht um, bemerkt ihn nicht. Noch mehrmals wechselt sie den Flur, jedes mal kann er gerade noch sehen, welche der vielen Möglichkeiten sie gewählt hat, so daß er folgen kann. Längst sind seine Schritte langsamer geworden, so daß sich der Abstand nicht mehr verkleinert. Längst kann er nicht mehr sagen, wie er zum Fahrstuhlraum zurückfinden könnte. Ohne darüber nachzudenken warum, folgt er ihr weiter in diesem Labyrinth der Flure und Gänge, die nirgendwohin zu führen scheinen. Es kommen nun sogar noch enge Treppen hinzu, auf denen sie die Stockwerke wechseln. Mit ihrem eleganten Gang gibt sie ohne Zögern oder Unsicherheit die Richtung an. Die Augen auf ihre Gestalt fixiert, folgt er ihr, obwohl es hoffnungslos erscheint, sie jemals zu erreichen. Er weiß nicht, wohin sie will und doch muß er ihr folgen, was sollte er in dieser Situation sonst tun.

Als sie wieder einmal hinter einer Biegung verschwunden ist und er dann ebenfalls um diese Ecke gelangt, sind sämtliche mögliche Abzweigungen näher als der Abstand zu ihr: Sie ist verschwunden! Es gibt in diesem kurzen Gang nur drei weitere Abzweigungen. Hektisch läuft er in die erste hinein, die nach einiger Zeit lediglich in einem leeren Raum endet: Eine Sackgasse. Er kehrt zur Verzweigung zurück, atmet schwer vor Erschöpfung, doch wenn er sie nicht augenblicklich wiederfindet, hat er ihre Spur in diesem Labyrinth verloren.

Er hastet den zweiten Gang entlang, um eine Ecke herum. Ohne noch zu registrieren, was eigentlich passiert ist, fällt er in eine endlose Tiefe. Ein dunkler Schacht tut sich unter ihm auf. Über ihm verkleinert sich die Öffnung zu den Fluren hin mit jedem Meter, den er fällt. Die Luft zerrt an seiner Kleidung und läßt ihn spüren, daß er immer noch fällt.

Er schließt die Augen, ist das das Ende? Ist sie auch in den Schacht gefallen? Aber sie ist nicht durch die Gänge geirrt, schien also genau zu wissen, wohin sie will. Er hat sie verloren und darüber hinaus fällt er noch immer durch diesen Schacht, verloren fällt er durch das Nichts, durch die Dunkelheit, wer könnte ihn nun noch halten. In einer mutlosen Bewegung greift er mit seinen Händen um sich und stellt fest, daß er sich plötzlich auf einer weichen Fläche befindet, die aus dem Nichts unter ihm entstanden zu sein scheint, ohne tödlichen Aufschlag liegt er auf dieser weichen Oberfläche. Er öffnet die Augen, ihn umgibt ein ganz schwaches Dämmerlicht, kaum daß er etwas in seiner Umgebung erkennen kann.

Er ist noch außer Atem von der Verfolgung, sich allmählich beruhigend, bleibt er noch einige Minuten liegen, seine Augen gewöhnen sich allmählich an das Dämmerlicht.

Er liegt zweifellos in einem Bett, dreht langsam seinen Kopf, es sieht hier aus, als befinde er sich in der Bettenabteilung eines Kaufhauses. Verwirrt steht er langsam auf. K. schaut sich nach dem Ausgang um, will schon ein paar suchende Schritte in die vermutete Richtung gehen, als jemand hinter ihm in routiniertem Ton feststellt, das Bett, in dem er probegelegen habe, sei wirklich eine ausgezeichnete Wahl, hervorragende Qualität und zudem noch zur Zeit im Sonderangebot.

K. dreht sich blitzschnell um, geschäftsmäßig lächelt ihn eine als Verkäufer verkleidete männliche Schaufensterpuppe an, nennt ihm den Preis des Doppelbettes, bietet sich auch an, noch weitere Erläuterungen zu geben, andere Betten oder ganze Schlafzimmer zu präsentieren.

Einen Moment erstaunt zögernd, schaut K. die Gestalt zunächst nur wortlos an, schüttelt dann jedoch entschlossen den Kopf, er habe es sich anders überlegt, eigentlich brauche er gar nichts, er danke trotzdem für die Verkaufsberatung. K. denkt, das habe ihm gerade noch gefehlt, ein lästiger Verkäufer in einem Kaufhaus, ihm bleibe aber auch nichts erspart, jetzt müsse er sich auch noch mit einem wahnwitzigen Zerrbild des Schreckens des Alltags herumschlagen, wo er doch solche Konsumtempel nur wenn unbedingt nötig und dann immer mit einem relativ festen Ziel vor Augen betritt, um diesem nervenaufreibenden Konsum-Horrortrip möglichst aus dem Wege zu gehen.

K. wendet sich schon wieder zum Gehen, doch das Verkäuferimitat setzt sein Gebrabbel fort, folgt ihm. K. geht trotzdem. Nun strömen andere als Verkäufer und Verkäuferinnen verkleidete Schaufensterpuppen auf ihn ein, preisen ihre Waren an, an denen er nicht interessiert ist. Sonderangebote prasseln nur so auf ihn ein, Waren und aufdringliches Lächeln bedrängen ihn, während er sich mühsam durch den Haufen von Verkäuferimitaten den Weg zu einer Rolltreppe bahnt. Als er die Sensorfläche betritt, bewegt sich die Treppe in der falschen Richtung, trotzdem läuft er eilig darauf hinunter. Wegen der falschen Laufrichtung folgen ihm die Puppen nicht.

Eine Etage tiefer angekommen, atmet er erst einmal tief durch, doch es ist die Herrenabteilung und wieder stürmen hilfsbereite Verkäuferimitate mit allen möglichen Waren auf ihn ein, Anzüge, Unterwäsche, Hemden, Pullover, Socken. Sie wollen ihm Wünsche von den Augen ablesen, die er gar nicht hat, beinahe schon verzweifelt stößt er sie zurück. Jetzt wie leblose Puppen purzeln sie vor ihm zu Boden. Er eilt hektisch durch die Etage, schon wieder von anderen Imitaten mit immer neuen Kleidungsstücken verfolgt, Schaufensterpuppen, die auf ihn einreden, daß er kaufen solle, kaufen, kaufen. Er gelangt zu einem Treppenhaus, schlägt verzweifelt die Tür hinter sich zu. Er jagt weiter hinunter bis zum Erdgeschoß, muß nun wieder in den alptraumhaften Verkaufsraum hinaus. Er will doch nur dieses Kaufhaus verlassen. Er irrt durch eine Computerabteilung, eine Elektronikabteilung, wieder sammelt sich eine Traube von Verkäuferimitaten um ihn herum, und sie bieten ihm allen möglichen Elektronikmüll an.

Er will zum Ausgang, wird aber abgelenkt, ins Untergeschoß, flüchtet in die Lebensmittelabteilung, wo ihn aber schon andere Imitate mit allen möglichen Kostbarkeiten und Leckereien erwarten, ihn bedrängen. Knusprige Hühnchen und knackige Gurken führen vor ihm einen Tanz auf. Koteletts und Schnitzel entzünden sich vor ihm selbst, um nur für ihn zu garen. Sektflaschenkorken knallen und verfehlen ihn nur knapp. Krustentiere krabbeln aus den Tiefkühltruhen, er stolpert über glitschig zappelnde Schollen und Forellen, die ihn anstöhnen, wie köstlich sie seien. Prasselnd geht über ihm ein Reis- und Nudelregen nieder. Dann sind da wieder Verkäuferinnenimitate, die ihm Suppen zum Probieren anbieten, ebenso Schokolade. Es soll ihm Kaffee aufgenötigt werden. Er sieht in der Ferne die Kassenzone, stürzt darauf zu, stößt achtlos alles und jeden beiseite, was sich ihm in den Weg stellt, weiter, weiter, nur weg hier, ihm dreht sich der Magen um. Hartnäckig bedrängen irgendwelche fliegenden Pralinen und einige Fischstäbchen seinen Mund, er wischt sie immer wieder weg, doch sie hängen wie ein Mückenschwarm an ihm, er rudert mit den Armen, bricht durch die Kassenzone hindurch. Er eilt wieder über die Rolltreppen hinauf ins Erdgeschoß. Dort erwartet ihn aber wieder eine Traube von Elektronikfachverkäuferimitaten, zahlenmäßig verstärkt durch ein paar Schreibwarenanbieter, Konzertkartenverkäufer und sonstige Verkäuferimitate aus allen Abteilungen des Erdgeschosses. Er wird Richtung Schaufenster abgedrängt. Obwohl er längst mäßig gewalttätig um sich schlägt und so manchen tapfer weiterplappernden Grinsemann zu Boden streckt, befindet er sich eindeutig in einem Rückzugsgefecht in eine Ecke des Kaufhauses, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Irgendwie hält seine Hand plötzlich die Tür zu einem Schaufensterausstellungsraum in der Hand. Ohne noch weiter zu zögern, reißt er sie auf, stürzt auf die Ausstellungsfläche, nachdem er die Tür wieder verschlossen hat. Erschöpft von der Verteidigung vor dem Konsumterror stützt er sich einen Moment verschnaufend gegen das Fenster.

Eine Hand legt sich sanft von hinter auf seine Schulter, eine samtweiche Stimme flüstert ihm beinahe zu: Hallo süßer Fremder, hast du Lust?

K. schaut auf und sieht in das Gesicht einer beinahe menschlich echt aussehenden Schaufensterpuppe. Sie sieht geradezu unverschämt gut aus. Sie lächelt ihn entspannt an. Mit einem einzigen Schwung läßt sie ihren Bademantel zu Boden fallen. Darunter trägt sie rote Dessous. Ihre Hand streicht zärtlich über seine Wange.

Hast du Lust auf mich? fragt sie noch einmal. Sie sei schön, das wisse sie, sie sei für ihn, er solle sie nehmen, das sei der Zweck ihres Daseins. Andere weibliche Puppen im Schaufenster wispern ebenfalls: Hast du Lust auf mich? Sie bedrohen und bedrängen ihn aber nicht, bleiben an ihrem Platz stehen. Die Hände der ersten Puppe streichen langsam über seine Brust. K. wehrt sich nicht gegen sie, weiß nicht mehr, was er tun soll. Sie wirkt so echt und so verlockend, zwar ist ihre Schönheit irgendwie puppenhaft unkonkret und doch wirkt sie geradezu unwiderstehlich anziehend und nicht bedrohlich wie die anderen Puppen im Verkaufsraum.

Es sagt zu ihr, sie sehe so echt aus, beinahe menschlich.

Sie lächelt ihn verständnisvoll an, das liege daran, daß sie wirklich eine Schaufensterpuppe sei, während die Imitate in den Verkaufsräumen früher Menschen gewesen seien. Sobald sie aber egal ob als Angestellter oder Kunde das Kaufhaus betreten, verwandelten sie sich in primitive Puppen, die wie aufgezogen ihrem Schicksal folgen müßten, entweder zu verkaufen oder zu kaufen. Die echten Schaufensterpuppen wie sie hingegen, seien nur für die Lust der Kunden da, um sie zum Kaufen zu animieren. Dabei haben ihre Finger seine Hose erreicht und streichen vorsichtig und verlockend immer wieder über den gleichen Bereich. "Nimm mich doch!" fordert sie ihn auf, und er meint in ihrem Gesicht eine entfernte Ähnlichkeit mit S. zu entdecken. Mit einer Hand löst sie nun geschickt den Verschluß ihres Büstenhalters, der zu Boden fällt. Sie greift seine Hand, streicht damit über ihren weichen, warmen Körper. Mit den Fingern der anderen Hand öffnet sie den Gürtel seiner Hose, den Reißverschluß. Ihre Finger gleiten in seine Unterhose, über seinen nunmehr erigierten Penis, ganz sanft und doch bestimmt. Mit der anderen Hand führt sie seine Finger in ihren Slip. Er spürt sie, warm und weich und angenehm. Er hat ihren Aktivitäten nichts entgegenzusetzen, seine Erregung wächst schnell. Während seine Finger über ihren unbehaarten Schamberg fahren, zieht sie mit ihrer Hand ihren Slip herunter, der zu Boden fällt. Mit beiden Händen zieht sie nun auch seine Hose und seinen Slip hinunter und drängt sich an ihn. Einer seiner Finger gleitet zwischen ihre Schamlippen, an der Clitoris vorbei bis zum Scheideneingang. Obwohl Schaufensterpuppe ist bis auf die Schamhaare alles vorhanden und wie echt. Sie drängt sich an ihn, zögernd und vorsichtig streichelt er mit einer Hand über ihre Brüste, mit der anderen die Umgebung ihrer Clitoris, während ihre Hände unter sein Hemd fahren und über seinen Rücken streichen. Ihre warmen, weichen Lippen pressen sich auf die seinen, ihre Zungenspitze kitzelt seine Lippen, die er etwas öffnet, ihre Zunge verbreitet in seinem Mund einen süßen Geschmack. Sie drängt sich an ihn, drückt ihn an die Schaufensterscheibe. Seine Hände fahren um ihre Hüften herum bis zu ihrem Po. Ihre Lippen lösen sich von den seinen und er schaut sie an. Sie sieht beinahe wie S. aus, da ist er sich nun ganz sicher, ihre unkonkrete puppenhafte Schönheit hat den individuellen Gesichtszügen von S. Platz gemacht. Das macht sie noch unwiderstehlicher. Er schaut sie an, sinkt mit ihr zu Boden, er faßt ihre Hände mit der einen Hand, mit der anderen stützt er sich auf, sie spreizt ihre Beine, zieht sie an, so daß seine Beine zwischen den ihren liegen. Entschlossen drängt er sich an sie. Sein Penis dringt in sie ein, er schließt die Augen und mit gleichmäßigen, rhythmischen, nicht hastigen Bewegungen steigert er seine Lust. Ihr köstlicher Körper bewegt sich leicht unter ihm mit, es ist wie im Rausch, dann kommt der Orgasmus, deutlich spürt er ihn auch bei ihr. Er sinkt auf sie, schwer atmend und mit einem starken Gefühl der Befriedigung.

Statt ihrer Atemzüge hört er aber plötzlich aus ihrem Kopf eine Tonbandstimme zwitschern: "...nimmmichnimmmichnimmmichnimmmichnimmmichnimmmich ...". Hastig öffnet er die Augen, hebt den Kopf, um sie anzusehen. Plötzlich ist es eine billige aufblasbare Gummipuppe. Entsetzt springt er von ihr weg, schaut sie an, keine Ähnlichkeit mehr mit der anfänglichen unkonkreten Schönheit oder den individuell schönen Gesichtszügen von S.. Es ist weder die Schaufensterpuppe noch S.. Es ist einfach eine aufblasbare Gummipuppe. Zu ihrem immer noch anwährenden Gebrabbel mischt sich nun ein Gewisper der anderen Schaufensterpuppen, die ihn nun fordernd anzustarren scheinen. Er kann verstehen was sie erst flüstern, dann immer lauter immer wieder wiederholen: "... bezahlenbezahlenbezahlenbezahlenbezahlenbezahlen ..." K. rafft seine Sachen zusammen, zieht sich an. Wie hatte er nur mit dieser Gummipuppe Geschlechtsverkehr haben können, wie sie für S. halten, wie hatte er so über eine Puppe herfallen können, insbesondere wenn er den Eindruck hatte, sie sehe so aus wie S.? Angewidert von seinem eigenen Verhalten fährt er sich verzweifelt durch die Haare. Wie hatte er sich so täuschen lassen können. Wie hatte er diese Täuschung nur so genießen können. Wie S. durch den Verkehr mit der Puppe zu einem Konsumgut machen. Allmählich verlieren die anderen Puppen ihre Starrheit, sie beginnen sich zu bewegen. Panikartig springt K. zur Tür.

In einer für die Blicke von außen verborgenen Ecke erkennt er einen Dekorateurkittel mit Namensschild. Geistesgegenwärtig greift er ihn sich, zieht ihn über, reißt sich zusammen und öffnet in gezwungener Ruhe die Tür. Draußen warten noch geduldig die Verkäuferimitate, doch sie lassen sich durch die Verkleidung täuschen. Ungehindert gelangt er durch ihre Reihen. Mit entschlossenem Schritt geht er auf den Haupteingang zu. Dort angekommen ist dieser verschlossen, denn es ist tiefe Nacht draußen. Er zerrt an der Glastür. Hände greifen nach seinem Kittel, streifen ihn einfach ab. Die Täuschung der Imitationen ist aufgeflogen, langsam bildet sich wieder eine Traube um ihn, die ihre Waren preisen und ihn zum Kauf animieren möchten. Er drängt sich verzweifelt durch ihre Reihen, weg, nur weg von ihnen. Irgendwie gelangt er zu einem Eingang des Warenlagers, gelangt hinein und hastet panikartig zwischen den hohen Regalen entlang, deren Konsumartikel ihn durch ihre bloße Anwesenheit zu ersticken drohen, alles scheint auf ihn einzustürzen. Er rennt weiter. Hört er nicht ein Gewisper? Bezahlenkaufenwunderbarewareimsonderangebot. Er reißt eine weitere Tür auf, stürzt in den Raum, stolpert über irgendetwas, fällt, schlägt auf, ein fürchterlicher Schmerz am Kopf, dann ist Ruhe ...

Als er wieder aufwacht, liegt er auf einem kalten Fußboden, es ist beinahe ganz finster um ihn herum. Nur langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit, so daß er schließlich doch etwas erkennen kann. Er sieht schmuddelige Wände, er befindet sich nicht mehr im Warenlager des Kaufhauses, die Tür, durch die er hereingestürzt sein muß, ist jetzt eine massive Wand. Er liegt jetzt auf dem Boden einer Arrestzelle, die an einer Seite mit einem Gitter versehen ist, die anderen Seiten bestehen aus grobem Mauerwerk.

K. steht auf, ist inzwischen wieder zu Atem gekommen. Er rüttelt an der Tür, die ins Gitter eingelassen ist. Diese ist jedoch verschlossen. Seine Bemühungen haben nur ein mäßig lautes Rasseln der Tür im Schloß zur Folge.

Nahezu lautlos erscheint kurz darauf eine Gestalt, die in eine Kutte gekleidet ist, deren Kapuze soweit ins Gesicht gezogen ist, daß die Gesichtszüge in dem Dämmerlicht nicht auszumachen sind.

Die Gestalt spricht, so da sei er also, nickt dazu langsam mit dem Kapuzenkopf.

K. erwidert, er wolle aus dieser Zelle heraus. Die ganze Situation sei absurd.

Die Gestalt erwähnt höhnisch, natürlich könne sie ihn hier herauslassen, doch was hätte sie davon.

K. will wissen, mit wem er es zu tun habe.

Die Gestalt schlägt vor, er solle sie einfach lieber Gott nennen, dann werden sie sehen, was sie für ihn tun könne.

Nun muß K. doch zynisch lachen, das sei absurd. Er sei Atheist, es gebe keinen Gott. Und wenn es doch einen Gott gebe, so sei er das selbst.

Die Gestalt regt sich nicht darüber auf, erwidert nur ironisch, wenn er nicht an einen Gott glaube, andererseits aber sage, wenn es einen Gott gebe, sei er es selbst, folge daraus nicht, daß er nicht einmal an sich selbst glaube?

K. stimmt zu, doch das sei jetzt nicht das Thema. Er wolle hier nur einfach raus, er wolle keine überflüssigen Konsumgüter und einen Gott brauche er noch viel weniger. Mit ihrer Welt müßten die Menschen schon selbst fertig werden, sich nicht auf einen Gott verlassen.

Die Gestalt fragt noch einmal nach, er sei also nicht bereit, sie als seinen Gott zu akzeptieren.

K. ruft verärgert: "Nein!" Das seien doch idiotische Spielereien. Nun werde sie sicher damit drohen, ihn hier verrotten zu lassen, wenn er nicht das gewünschte Glaubensbekenntnis ablege. Das sei doch alles Unsinn.

Die Gestalt grunzt mißmutig, sie sei aber nun einmal gerne Gott, außerdem habe sie die Schlüssel, bezüglich seiner Lage habe das schon etwas gottartiges an sich. Eine inbrünstige Anbetung könne sie vielleicht ja gütiger stimmen.

K. räumt ein, durch den Besitz des Schlüssels sei sie sicher in einer Machtposition ihm gegenüber, aber das müsse doch nicht gleich in theologischen Firlefanz ausarten. Bei einer Nullinformation über einen Gott könne es ja auch genauso gut sein, diesen durch eine Anbetung zu verärgern. Vielleicht wolle sie ihn nur provozieren, um dann ihrer Verärgerung um so heftiger Luft zu machen. Andererseits sei die Gestalt ja auch in gewissem Sinne von ihm abhängig, denn nur wenn er ihre Machtposition akzeptiere, gelange sie zu einer gewissen Bedeutung.

Überlegend marschiert die Gestalt daraufhin ein paar Mal vor der Zelle hin und her, meint dann schließlich, die Sache mit dem Gott könnten sie wirklich beiseite lassen. Unabhängig davon habe sie den Schlüssel. Sie sollten also einen Handel machen. Sie werde aufschließen, wenn er dafür etwas für ihn Wertvolles herausrücke.

K. ist sichtlich genervt, erwidert: Ein Handel, ein Handel. Gerade sei er diesem widerlichen Konsumterror entkommen und nun schon wieder ein Handel. Er wolle einfach nur wieder hier heraus, zurück in sein Büro oder seine Wohnung. Um um seine Befreiung aus der Zelle zu handeln, sei wirklich das letzte, worauf er nun Lust habe. Außerdem habe er gar nichts Wertvolles bei sich, um sich aus der Zelle herauszukaufen. Er sei einfach nur noch müde und erschöpft, vielleicht sollte er sich einfach dort hinten in die Ecke legen und auf sein Ende warten.

Die Gestalt erwidert verärgert, er sei wirklich ein schwieriger Typ, verkompliziere alles, mache Widerworte, sie sollte wirklich einfach wieder gehen und ihn hier liegenlassen, aber etwas müsse es doch geben, ein Arrangement zwischen ihnen beiden, daß er etwas gebe, um aus der Zelle herauszukommen. So schwer könne das doch nicht sein. Sie müsse nur etwas überlegen.

Damit verschwindet die Gestalt. K. setzt sich hinten an die Wand und wartet eine ganze Weile lang.

Schließlich kommt die Gestalt zurück. Sie wisse jetzt, was zu tun sei. Sie steht nun dicht vor dem Gitter und scheint unter der Kapuze her auf ihn zu starren. Es stehe nun unwiderruflich fest, was die Bedingungen seien. Für das Aufschließen der Zelle müsse K. entweder seine Augen oder sein Geschlecht hergeben. Er habe da die freie Auswahl.

K. schaut zur Gestalt hinüber. Das sei doch wohl nicht ihr Ernst, es liege ihm eigentlich relativ viel an beidem.

Die Gestalt schüttelt die Kapuze, das sei jetzt vollkommen Ernst, wenn er nicht hier verrotten wolle, wenn er weiterkommen möchte, müsse er eines davon hergeben.

K. murmelt verzweifelt, wie könne er sich da entscheiden, das sei widerlich, trotzdem habe er im Grunde keine Lust, hier zu verrotten. Er könne sich einfach nicht entscheiden, doch auf jeden Fall wolle er aus dieser muffigen Zelle heraus.

Damit springt K. plötzlich auf und ist im gleichen Augenblick schon am Gitter und greift nach der Kutte. Im Moment der Berührung schießt ein Blitz, ein Schmerz durch Körper und Kopf.

Das nächste, was K. spürt, ist, daß ihn jemand lustlos in die Seite tritt, um ihn wieder wach zu bekommen. Er versucht zu sehen, wer das war, doch es ist pechschwarze Nacht.

Dafür hört er die Stimme der Gestalt, da er sich nicht habe entscheiden können, sondern stattdessen versucht habe, sie zu greifen, habe sie sich zu einem Kompromiß durchgerungen. Er könne doch Augen und Geschlecht behalten, dafür sei er jetzt impotent und blind.

Entsetzt schreit K. auf: "Nein!"

Die Gestalt erklärt munter, im Grunde sei es gar nicht so schlimm, daß er nicht sehen könne. Sie werde ihn in den richtigen Gang stellen, dem er nur zu folgen brauche. Der Weg durch diese Höhlengänge sei eindeutig und relativ ungefährlich, da müsse er nicht unbedingt etwas sehen, um weiter zu kommen. Er könne den Weg und die wenigen Gefahren ganz gut blind bewältigen. Da der Weg durch die Höhlengänge ohnehin nur mit einem spärlichen Dämmerlicht beleuchtet werde, verpasse er nicht viel. Und später, was gebe es da schon zu sehen. Dieses Photonenbombardement seiner Augen sei doch eigentlich nur lästig, das meiste davon sei ohnehin nur informationelles Rauschen. Der Verlust der Potenz sei für ihn doch wohl ebenfalls zu verkraften, wozu brauche er sie schließlich jetzt, es lenke ihn im Grunde doch nur ab. Und später erspare es ihm all die Qualen sich ewig wiederholender Fahrstuhlfahrten mit einer Erektion in der Hose, die doch zu nichts führe. Im Grunde müßte er ihr dankbar sein. Eigentlich sei eine Liebe doch nur solange heiß, solange die sexuelle Begierde nicht bis zum Überdruß befriedigt werden könne, so daß ohne Potenz die süße Qual der Sehnsucht noch viel intensiver genossen werden könne. Außerdem gebe es ja noch die Platonische Liebe, die doch eigentlich sowieso viel edler sei als die erotische. Auch die Liebe zu einem Gott sei eine Überwindung des Geschlechtstriebes und sei so viel leichter ohne die Möglichkeit einer Erektion in der Hose bei einer vorbeigehenden Frau. Auch könne man ja von heterosexuell auf homosexuell umsteigen. Auch wenn man da nicht zu einer Erektion fähig sei, sei doch noch alles drin, wenn man nur die richtige Rolle übernehme.

K. wirft erschrocken ein, er sei nun aber mal heterosexuell, Atheist und ihm gefalle die sexuelle Befriedigung im Rahmen einer erotischen Liebe viel besser als die Platonische oder die unerfüllte Liebe. Und er sehe immer noch lieber das ganze Elend der Welt als blind durch das Leben zu stolpern.

Die Gestalt lacht vergnügt auf: Zu spät!

Im gleichen Moment wird K. auch schon hochgezerrt und in irgendeine Richtung vorangestoßen. Willenlos folgt er den gelegentlichen Knuffen.

Schließlich drückt die Gestalt seine Hand an eine feuchte, kalte Felswand, der müsse er einfach folgen, er werde schon irgendwie weiterkommen. Wie gesagt, im Grunde sei es hier beinahe so dunkel, daß man ohnehin nicht viel sehen könne, er werde also nichts verpassen. Er solle nur nicht zurückkommen, weil der Teil der Höhlen, die sie bis hierher durchquert hätten, gefährlich sei.

Die Gestalt gibt ihm noch einen Schubs in die richtige Richtung, dann ist sie weg.

K. hört keine sich entfernenden Schritte, trotzdem weiß er plötzlich, daß er jetzt alleine ist. Ihm ist kalt. Doch obwohl er sein ganzes Leben als sinnlos und leer empfindet, gibt er nicht auf, er tastet sich weiter in der Richtung, in der ihn die Gestalt voran geschubst hat. Er denkt sich, immer noch ist das Leben dem Nichtleben vorzuziehen, denn wie sollte man jetzt schon wissen, was einem die Zukunft bringen werde, während man bei der Nichtexistenz genau wisse, daß einen nichts mehr erwarte. Er zumindest ziehe das Erleben einer bis jetzt noch unbekannten Zukunft dem Nichts eindeutig vor. Mag sein, daß er bisher der Beobachter war und daher seine Augen für ihn das Wichtigste waren, doch wenn die Gestalt denkt, er würde jetzt aufgeben, habe sie sich getäuscht. Verbissen tastet sich K. so weiter. Die Zeit und der Gang scheinen sich ins Endlose zu dehnen. Was, wenn er immer in der Runde gehe, wenn die Gestalt ihn hereingelegt habe, fragt er sich kurz, schüttelt verärgert den Kopf, er müsse einfach weitergehen, immer weiter, irgendwo werde er schon hingelangen, wo man ihm helfen könne. Die Finger der einen Hand über die Wand streifen lassend, den anderen Arm in Kopfhöhe nach vorne gestreckt haltend, wagt er bald größere und schnellere Schritte, sich immer mehr darauf verlassend, daß der Weg wirklich ungefährlich ist, wie die Gestalt behauptet hat.

Plötzlich ruft eine weibliche Stimme: "Halt!"

K. bewegt sich nicht mehr von der Stelle. Die Stimme erinnert ihn irgendwie an die von S., dennoch ist da irgendetwas anderes, fremdes in ihrem Tonfall.

Jetzt sagt sie, er stehe direkt vor einem mehrere Meter tiefen Absatz, den sie schon übersehen habe, er solle genau vor seine Füße sehen, dann werde er es bemerken.

K. erwidert, er sei blind, das sei nicht möglich.

Sie weist ihn an, auf die andere Seite der breiten Höhlenmündung zu gehen, in der er sich gerade befinde, indem er sich von seiner jetzigen Position rechts hinüber bewege, eventuell sicherheitshalber dabei gleichzeitig noch ein Stück zurück. Sie ergänzt, er könne sich ja auch hinknien und sich am Rand des Absatzes entlangtasten.

Letzteres tut er, bis er bei der anderen Wand angelangt ist. Er weist sie darauf hin.

Sie erwidert, er könne sich nun hinunterlassen, es seien nur etwa zweieinhalb Meter an der Stelle, er solle dann nicht erschrecken, wenn er noch ein Stück eine Schräge hinunterrutsche.

Er hat Angst, in der unbekannten Leere an dem Absatz zu baumeln, doch er muß ihren Worten vertrauen, was kann er sonst tun. Er dreht sich also um, legt sich hin, schiebt seine Beine über den Absatz, versucht sich so lange wie möglich festzuhalten. Als seine Finger sich nicht mehr festzukrallen vermögen, fällt er auf die Schräge, kann sich nicht halten und kollert diese hinunter, bleibt schließlich liegen.

Sie fragt, ob er in Ordnung sei.

Mühsam steht er auf, ja es sei ihm nichts passiert, ein paar blaue Flecke vielleicht.

Sie bittet ihn, er müsse ihr helfen. Sie sei vom Absatz herunter in ein Schlammloch gefallen, sie könne nicht alleine herauskommen, er müsse ihr helfen.

Er fragt sie, was er tun soll.

Sie leitet ihn mit ihrer Stimme langsam zu sich heran, das letzte Stück kriecht er auf allen Vieren. Schließlich findet er ihre Hände. Mit gemeinsamer Anstrengung gelingt es schließlich, sie aus dem Schlammloch zu befreien.

Sie liegen beide erschöpft von den Strapazen neben dem Schlammloch. Erst jetzt erkennt S. K. wieder, spricht ihn darauf an, gibt sich zu erkennen. Sie fragt ihn, wie er hierher komme, wieso er blind geworden sei.

K. faßt in aller Kürze zusammen, was er erlebt hat, seit sie den Fahrstuhl verlassen hat, verschweigt dabei jedoch das peinliche Abenteuer mit der Schaufensterpuppe.

S. versichert daraufhin, sich nicht erinnern zu können, durch ein Labyrinth von Fluren und Gängen gegangen zu sein. An das Verlassen des Fahrstuhls könne sie sich erinnern, wie sie zu ihrem Büro gegangen sei, welches jedoch vom Fahrstuhl ohne große Schwierigkeiten zu erreichen sei. Sie habe vor dem Fenster ihres Büros gestanden und habe nach draußen gesehen. Plötzlich habe sie furchtbare Kopfschmerzen bekommen. Sie habe die Hände gegen das Gesicht gepreßt. Als der Schmerz vorbei gewesen sei, habe sie die Hände aus dem Gesicht genommen und plötzlich sei sie in einem dunklen Kerker gewesen. Als sie sich umgeschaut habe, habe sie hinter einem Gitter eine Gestalt in einer Kutte mit Kapuze gesehen, vermutlich jene, von der auch er erzählt habe. Die Gestalt habe gesagt, es tue ihr leid, sie aus ihren Gedanken reißen zu müssen, doch es habe sich herausgestellt, daß ihre Anwesenheit in diesem situativen Kontext notwendig sei. Die Gestalt habe ihr versichert, daß sie hier solange eingesperrt sei, bis sie sich freigekauft habe. Ähnlich wie K. habe die Gestalt sie vor die Alternative gestellt, als Gegenleistung für das Aufschließen der Zelle entweder all ihr Wissen oder ihre jugendliche Schönheit, Stärke und Unabhängigkeit herzugeben. Nun liege ihr natürlich sehr viel an ihren Fähigkeiten und an ihrer Leistung, ihr Studium in sehr kurzer Zeit mit sehr guten Resultaten abgeschlossen zu haben. Da habe sie auch keine Zeit für private Vergnügungen gehabt. Natürlich wisse sie, daß sie für schön gehalten werde und auch an ihrem Aussehen habe ihr viel gelegen, obwohl sie persönlich bei sich immer einige Dinge an ihrem Aussehen als nicht perfekt empfunden habe. Auf jeden Fall habe auch sie sich nicht entscheiden können, habe sich aufgeregt, hier festgehalten zu werden, habe verlangt, sofort freigelassen zu werden und sich geweigert, sich für eine der Alternativen zu entscheiden, habe die Situation gar nicht richtig ernst genommen. Sie sei auf die Person zugegangen und habe weiter ihre sofortige Freilassung gefordert. Darauf habe sie wieder einen Anfall dieser schrecklichen Kopfschmerzen bekommen. Später habe die Gestalt sie aus der Zelle gezerrt und vor sich her geschubst bis zu dem Gang, durch den sie beide gekommen seien. Die Gestalt habe ihr mitgeteilt, sie hätten leider nicht so viel Zeit, als daß sie S. hätte eine lange Überlegungszeit zubilligen können, als Resultat ihrer Unschlüssigkeit habe sie nun ihr Fachwissen verloren und sei dreißig Jahre älter geworden. Dann habe die Gestalt sie mit der Warnung unter keinen Umständen umzukehren fort in den Höhlengang geschickt. Sie sei durch den dämmrigen Gang gelaufen, habe schließlich die Absatz übersehen und sei in das Schlammloch gestürzt. Bedingt durch die Zähigkeit des Schlamms und ihrer altersbedingten schlechten Kondition habe sie es nicht mehr alleine verlassen können.

Sie wisse nicht, was das hier alles solle.

K. meint vorsichtig, er vermute, es hänge mit ihm zusammen. Dieses ganze absurde Szenario hänge stark mit Motiven aus seinen Gedanken zusammen. Auch daß sie immer wieder darin auftauche, habe sicher seinen Grund darin. Er gesteht ihr das Spiel mit den Fahrstuhlfahrten, wie er es immer so eingerichtet habe, ihre Nähe, ihren Anblick zu genießen, der tägliche farbige Höhepunkt seines grauen Alltags.

S. stellt fest, dieses Vorgehen sei ihr nicht entgangen, sie habe mitgespielt. Sie müsse zugeben, es habe ihr heimlich gefallen, so zu tun, als bemerke sie nichts davon und ihn durch ihre Unnahbarkeit zu quälen, denn längst habe sie bemerkt, daß er niemals die Initiative ergreifen werde. Die Situation habe sie amüsiert und auch gereizt. Sie sei es gewohnt, plumpe Annäherungsversuche entschieden zurückzuweisen. Sie habe immer genossen, begehrt zu werden und derartiges Begehren durch Ignorieren zu beantworten. Daß er keinen Annäherungsversuch gemacht habe trotz seines offensichtlichen Interesses habe sie belustigt. Die Macht jedoch, ihn immer wieder ihre Nähe spüren zu lassen, ohne auf ihn zu reagieren, habe sie fasziniert, so daß sie mitgespielt habe.

K. meint, er sei der typische Beobachter, sowohl im Beruf auch als in solchen Situationen. Das Auge sei Symbol für diese Eigenschaft seiner Persönlichkeit. Ob das Geschlecht mehr als bei anderen Männern eine zentrale Bedeutung für ihn habe, könne er nicht beurteilen. In jedem Falle müsse er zugeben, daß seine Unfähigkeit zur Aktivität, die Passivität des Beobachters sicher damit zusammmenhänge, daß es ihm schwerfalle, zu handeln und etwas zu riskieren und so habe er auch nicht gewagt, sie anzusprechen.

Die Gestalt habe nun das Symbol Auge zumindest sehr wörtlich genommen, als sie von ihm etwas für ihn Bedeutungsvolles für das Aufschließen der Zelle gefordert habe. Zwar sei die erlittene Blindheit ein schwerer Schlag für ihn, aber das zerstöre ihn nicht. Die Impotenz sei der pure Hohn in dieser Situation, manchmal denke er, dadurch würde er sich sogar eine Menge Schwierigkeiten ersparen und ein ruhigeres Leben haben. Aber vielleicht spiele er jetzt die Bedeutung des Verlorenen auch nur herunter, um damit fertig zu werden.

S. fährt sanft mit ihrer Hand durch sein Haar, er tue ihr leid. Über sich und ihren Verlust könne sie nicht viel sagen, es sei alles sehr verworren und unklar für sie. Doch wenn es stimme, was er sage, daß er der Grund für ihre Anwesenheit hier sei, wenn sie nur eine Figur in seiner Geschichte sei, sei es da nicht möglich, daß sich in ihrem Verlust durch die Gestalt nur das widerspiegele, was aus seiner Sicht für sie wichtig sei, in dem Sinne, daß er sie so einschätze? Vielleicht liege ihr gar nicht so viel an ihrem Fachwissen, am beruflichen Erfolg, einer schnellen Karriere, ihrer Stärke und Unabhängigkeit. Und vielleicht spiegele sich in ihrem Alterungsprozeß nur seine jetzige sexuelle Unfähigkeit wider. Da er blind sei und sie alt, sei sie für ihn nicht mehr sexuell interessant, es greife eins ins andere. Vielleicht sei sie in dieser Situation nur, was er sich unter ihr vorstelle. Da er es nie fertig gebracht habe, einen Versuch zu starten, sie für sich zu gewinnen, habe er nun die Situation so uminterpretiert, daß er vor das Ziel seines Begehrens einfach unüberwindliche Barrieren aufgebaut habe. Obwohl er jetzt mit ihr zusammen sei und ihr sein Interesse gestanden habe, sei er durch die eingetretenen Umstände weiter denn je von der Befriedigung seines Begehrens entfernt.

K. räumt ein, daß tatsächlich bisher immer nur Abbilder von ihr aufgetaucht seien, nicht sie selbst, doch warum sollte ein Abbild ihm die Vermutung unterbreiten, daß es nur ein Abbild sei. Vielleicht sei sie gerade deswegen echt und nur das Bild, was er sich von ihr gemacht habe, sei falsch gewesen, sei eingeengt gewesen durch sein sexuelles Interesse. Vielleicht habe sein Interesse wirklich bisher nur ihrem jugendlich schönen Körper gegolten, statt der ganzen Persönlichkeit. So habe er vielleicht nur ihre berufliche Zielstrebigkeit, Energie und Tatkraft bewundert, weil das alles eine enorme Aktivität ausstrahle, der er nur die passive Rolle des Beobachters entgegenzusetzen habe, der zudem jetzt auch noch blind sei.

S. stellt fest, wenn er sie nicht doch einmal im Fahrstuhl anspreche, wenn er nicht doch einmal aktiv werde und sich aus der Zwangsjacke des passiven Beobachters befreie, werde er nie etwas über die wirkliche S. erfahren. Er werde immer nur das Bild vor sich haben, welches er sich von ihr mache. Sie sei nicht nur tote Materie, die man durch Beobachtung kennenlernen könne. Sie sei ein menschliches Wesen, welches ihm nur durch den Dialog, eine wechselseitige Annäherung vertraut werden könne. Doch letztendlich liege die Entscheidung bei ihm, so schwer ihm das auch falle.

Eine ganze Weile herrscht Schweigen zwischen den beiden, dann beginnt K. wieder, der Weg müsse doch irgendwie weitergehen, irgendwie müsse es doch einen Weg hier heraus geben. Wie immer er sich auch im Alltag später verhalten werde, was immer auch sein werde, erst müßten sie hier herauskommen, dann könne man weitersehen.

S. antwortet, der Weg aus dieser Höhle sei ganz einfach, einige Meter weiter mache die Höhle einen Knick und münde endlich in einen steilen Abhang eines Berges. Sie faßt ihn an der Hand und führt ihn an den Rand der Höhle.

Sie fährt fort, sie müßten jetzt einfach nur fliegen, unter ihnen läge ein weites Land, ein breiter Fluß sei zu erkennen. Sie meint, sie müßten nur geradeaus, über den Fluß fliegen, der Sonne entgegen bis zu ihrer Stadt in der Ferne, dann seien sie am Ziel, sie müßten nur landen, er müsse dann die Augen nur schließen und wieder öffnen und handeln nach dem, was er sehe.

K. ist nicht klar, wie sie fliegen sollen.

Doch S. meint nur, das sei ganz leicht, er müsse nur seine Phantasie benutzen und schon schwebe er in der Luft. Er müsse sich nur vorstellen, über den Fluß und das Land bis zur Stadt zu fliegen, den ganzen langen Weg müsse er sich vorstellen, alle Einzelheiten, die er sehen könnte, wenn er nicht blind wäre. Wenn er nur seine Phantasie benutze und seine Erinnerung an seine Träume über all die Flüge über das Land und den Fluß, dann werde er fliegen können. Es halte ihn nur das Grau des Alltags fest, er müsse die Leere in sich durch die bunten Bilder der zu überfliegenden Landschaft füllen, dann werde er es schaffen.

S. hält seine Hand, fragt ganz sanft, wo seine Phantasie sei.

K. bemüht sich, es wahrzunehmen, es zu erleben. Da ist zunächst nur die Leere und Sinnlosigkeit seines Ichs, doch er spürt auch ihre Hand in der seinen, das angenehme Gefühl ihrer Nähe auch ohne sexuelle Erregung. Er versucht sich zu erinnern an alle die nächtlichen Träume, die er gehabt haben muß, aber jeden Morgen noch vor dem Erwachen schon wieder vergessen hatte. Er wühlt in all der Leere seiner Vergangenheit, versucht all den grauen Müll und Ballast zur Seite zu räumen, versucht all die graue Last wie einen Haufen unwichtig gewordener Papiere von einem lange nicht mehr aufgeräumten Schreibtisch einfach wegzufegen, um das eine bunte Blatt zu finden, mit dem er zu dem vergessenen Ort zurückfinden kann, der seine Träume, seine Phantasie birgt.

Die graue Last ist nicht mit einem Handstreich wegzufegen, er muß sich abmühen, muß suchen, muß sich quälen, bis er einen bunten Zipfel in all dem Grau erkennen kann. Entschlossen zieht er daran und sich damit aus dieser formlosen grauen, zähen Masse, die ihn seit Jahren festgehalten hat und ihn zu ersticken drohte. Und er spürt plötzlich, wie die graue Last ganz von ihm wegfällt, wie alles ganz leicht wird, er spürt die Wärme der Sonnenstrahlen in seinem Gesicht, er riecht den Duft der Blüten auf den Feldern und auch den Geruch der Wälder. Er hört ganz leise das Rauschen des Flusses.

So fliegen sie Hand in Hand über das Land, den Fluß und die Wälder der Sonne entgegen.

Er spürt den Wind auf der Haut, das Glück in einem sanften Händedruck und die Freiheit im Flattern seiner Kleider. Er genießt diesen Flug mit den Flügeln seiner Träume, mit der Kraft seiner neu erwachten Phantasie, mit dem wohligen Gefühl ihrer Nähe, ihrer Unterstützung, ihrer Anteilnahme.

Doch dann ist er auch wieder unsicher und zweifelt. Sind das nicht alles bloß alberne Phantasien? Ausflüchte aus dem wirklichen Leben? Abbilder aus Alpträumen oder Wunschträumen?

Windböen zerren nun an ihnen, der Griff ihrer Hände wird unsicherer.

K. befürchtet, wenn er wieder zurück im grauen Alltag ist, wird alles wieder so sein wie früher, denn was könnte sich an der inneren Leere, an der entdeckten Sinnlosigkeit der Existenz jemals ändern. Wäre es denn möglich, daß er jemals mehr als sexuelles Interesse an S. hätte? Wäre es zudem wirklich möglich, sie anzusprechen? Will er denn wirklich wissen, wie sie wirklich ist, will er wirklich mehr als das Bild, was er sich von ihr macht? Ist es nicht vielmehr so, daß da außer seiner inneren Leere und seinem vielleicht sogar nur lästig gewesenen, aber nicht ignorierbaren Geschlechtstrieb gar nichts ist? Ist es nicht so, daß er sich eigentlich nicht einmal selbst mag, wie sollte er da gegenüber S. echte Zuneigung zeigen.

Inzwischen ist aus den Windböen ein richtiger Sturm geworden, der ihre Hände auseinander zu reißen droht.

S. ruft ihm ängstlich zu, eine große, graue Gewitterwolke komme genau auf sie zu, sie werde so schnell größer, daß sie nicht ausweichen könnten.

Schon spürt er die Kälte im Gesicht statt der warmen Sonnenstrahlen, hört ein Donnern des heranziehenden Gewitters.

S. ruft, man könne kaum noch etwas sehen, sie könne sich nicht mehr orientieren.

Der Wind zerrt immer stärker an ihren Händen, und dann reißt er S. von K. fort.

Sie schreit entsetzt auf, ruft noch, sie komme nicht gegen den Wind an.

Ihre verzweifelte Stimme wird schnell leiser und wird dann vom Donnern des Gewitters völlig übertönt, welches sich jetzt über K. entlädt. Regentropfen prasseln nun auf ihn nieder, die sich auf seinen Wangen mit seinen Tränen vermischen. Blitze sausen neben ihm nieder und zerschneiden den Himmel.

Doch er gibt nicht auf. Trotz des Gewitters und des Sturms denkt er sich zur Stadt. Das Gewitter läßt nun nach. Der Regen hört auf, es wird ruhig um K. Noch immer tropfen von seinen Wangen Tränen in die Tiefe. Er konzentriert sich auf die Stadt, tatsächlich hört er jetzt ihre Geräusche unter sich, er stellt sich vor, wie er über sie hinwegfliegt. Es wird dann Zeit zu landen. Er denkt sich einfach, wie er landet, schließt dabei die blinden Augen. Er spürt wie er aufsetzt, ein Ruck geht durch seinen Körper.

Er zögert noch einen Augenblick, dann öffnet er die Augen:

Die Fahrstuhltür hat sich noch nicht ganz geöffnet, als S. schon den ersten Schritt aus dem Fahrstuhl macht. K. erfaßt die Situation, zögert aber noch. Gerade in diesem Moment geht die alltägliche Fahrstuhlfahrt, sein qualvoll köstlicher Höhepunkt des Tages wieder einmal zuende, nur seine Erektion wird noch einige Zeit anhalten. Schon ist sie draußen, geht über den Gang. Er bewundert wie jeden Tag ihr selbstsicheres Auftreten, ihre in jeder Geste sichtbar werdende Stärke. Er müßte jetzt handeln! Schon beginnt sich die Tür wieder zu schließen, er sieht ihre eleganten Bewegungen, er sieht wie sie geht, weg von ihm, wie sie geht, weg geht sie, weg von ihm, weg. Sich aus seiner alltäglichen Erstarrung lösend stürzt er auf die Tür zu, die sich schließt, seine Finger treffen schon auf das Metall, durch einen noch offenen Schlitz sieht er sie einen letzten Augenblick, dann ist die Tür zu, die er nicht mehr aufzerren kann, so sehr er sich auch anstrengt, zu spät, zu spät denkt er, einen Moment zu spät, eine Woche zu spät, einen Monat zu spät, ein halbes Jahr schon zu spät, eine Träne rinnt über sein Gesicht...

Er denkt: "Morgen aber ganz bestimmt ..."

Er denkt: "Morgen vielleicht ..."

Er denkt: "Morgen sehe ich sie wieder, wenn ich es geschickt einrichte ..."

Er denkt: "Morgen ..." und es hallt durch seine innere Leere, bis sich die Tür in seiner Etage öffnet. Er reißt sich zusammen und schaut wie jeden Tag auf die Anzeige, steigt dann aus und geht über den Flur zu seinem Büro. Dieser Flur ist so lang, daß man die Erdkrümmung zu sehen meint, so daß das Ende des Flures nicht nur durch die perspektivische Verkleinerung im dämmrigen Ungewissen zu verschwinden scheint, sondern man unwillkürlich vermutet, daß es auch hinter dem Horizont liegen sollte, was objektiv natürlich in guter Näherung auf einer Täuschung der Sinne beruht. Außerdem tritt der räumliche Eindruck dabei unwillkürlich in Wechselwirkung mit der psychischen Verfassung des Beobachters ...

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