Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Olaf

Geschrieben: 1992-06-07

Es zeigt sich immer deutlicher, daß ich einen großen Teil der Zeit, in der ich Olaf bin, Olaf nur spiele, es scheint eine Hülle, ein von mir gesteuertes Objekt zu sein. Wenn ich darauf bestehe , handelt er in irgendeiner Weise oder äußert probeweise für mich eine Meinung, beides jedoch nur widerwillig und nach großem inneren Kampf. Oder er durchdenkt für mich eine Meinung, damit ich sie für mich testen kann. Eigentlich tut er auch das nur widerwillig; wohler fühlt er sich im Diffusen, Unentschlossenen, in der Schwebe zwischen den Worten, Taten und Meinungen. Gern beobachtet er nur, registriert fasziniert, was ihn umgibt, ohne zu reagieren, eine Analyse findet nur in begrenztem Umfange statt, den ich weitgehend kontrollieren kann; die Analyse bleibt in der Regel folgenlos. Manchmal kann ich ihn dazu benutzen, andere zu testen: ich lege ihnen eine Meinung vor, um ihre Reaktionen zu erforschen. Formal ist die Situation immer so konstruiert, daß die vorgelegte Meinung nicht unbedingt Olaf zugeschrieben werden muß. Das wird oft mißverstanden, zumal ich nicht sicher bin, ob man ihm überhaupt eine eigene Meinung zuschreiben kann. Die Reaktionen sind oft interessant. Lediglich wenn er mit den Worten kämpft, etwas zum Ausdruck bringen will, scheint er Spuren einer eigenen Identität zu besitzen, ich spiele ihn dann nicht mehr völlig, es ist, als ringe er dann um Leben und entwickele eine gewisse Eigendynamik. Auch die Aufgaben in seinem Physikstudium locken etwas wie eigenes Sein aus ihm hervor, verbissen kann er sich stundenlang damit beschäftigen, um anschließend bei Erfolg befriedigt die Lösung in Händen zu halten. Es scheint ein Sieg zu sein, auch wenn er meint, die richtigen Worte gefunden zu haben, ein Sieg über sich selbst, denn das sind ja die entscheidenden Siege. In diesen kurzen Momenten scheint er beinahe zu leben, doch sonst spiele ich ihn nur, schaue, wie er wirkt, auf sich und andere, und lasse ihn über sich reflektieren.

Seine kalte und unpersönliche Art, so kommt sie mir jedenfalls vor, erstaunt mich immer wieder. Nie läßt er das Leben wirklich an sich heran. Er hält alle anderen Menschen auf möglichst unverbindliche Distanz, als wolle er sie nicht mit seiner inneren Leere belästigen, oder er hat Angst vor diesem pulsierenden Leben um ihn herum. Er scheint nicht verstehen zu können, daß Menschen einfach so leben können, daß sie nicht diese Leere spüren, diese immer und überall anwesende Leere, die er niemals übersehen kann, die ihn allerdings auch nicht besonders beunruhigt. Sie gehört irgendwie zu ihm. Ich verstehe ihn nicht. Er wird mir immer ein Rätsel sein.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D