Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

"Küstenlandschaft bei Nacht" von Neit Nisch

Geschrieben: 1990-09-21/24

die erste begegnung mit dem bild "Küstenlandschaft bei Nacht" von Neit Nisch war für mich ziemlich unvermittelt. irgendwie stand ich plötzlich davor. auf den ersten blick ist das bild gar nicht besonders bemerkenswert, doch vertieft man sich darin, wachsen mit der zeit bedeutung und inhalt schier ins unermeßliche. der betrachter erkennt in dem am ehesten hyperrealistisch zu nennenden werk mit der zeit immer mehr details und zusammenhänge, obwohl, wie der titel schon andeutet, das bild insgesamt konsequent in uniform-dunklen tönen gehalten ist.

da ich nicht davon ausgehen kann, daß alle leser das werk (so gut) kennen, möchte ich zunächst kurz erläutern, was darauf im einzelnen zu erkennen ist, denn wer das bild schon einmal gesehen hat, wird bestätigen können, daß eine abbildung nur ein einziges schwarz in schwarz ergäbe mit ausnahme des mondes und der grau-weißen wolken, die details aber gingen völlig verloren, deswegen möchte ich hier auch auf eine abbildung verzichten. leicht links von der mitte des bildes ist der vollmond mit detailgetreuer oberflächendarstellung am deutlichsten zu erkennen; seine strahlen werden einerseits in einem streifen im meer mit nur seichten wellen nahezu bis zum strand hin reflektiert, teilweise von einer rückenflosse eines fisches unterbrochen, anderseits durchschimmern sie rechts oben eine dünne wolkenfront, während links vom mond deutlich sterne zu erkennen sind, ja, es scheint sogar das sternbild ursus maior ganz links am bildrand aufzutauchen. ein stück rechts vom mond sind die dunklen, beinahe düsteren umrisse einer steilküste zu erkennen, die sich bis in den bildvordergrund rechts unten erstreckt. rechts neben dem mond bildet ein ins meer ragender, wasserdurchfluteter natürlicher bogen den abschluß dieses kliffs. am fuße des kliffs zieht sich in malerischem bogen ein schmaler sandstrand bis in die linke untere ecke des bildes. oben auf dem ins meer ragenden bogen sind die umrisse eines wolfes oder hundes gegen die monddurchschienenen wolken zu sehen. dieser reckt sein weit aufgerissenes maul in den dunklen nachthimmel, und der betrachter meint, sein heulen fast hören zu können. unten im kliff ist schemenhaft eine höhle zu erkennen, und darin kaum mehr auszumachen zwei schwach leuchtende punkte eines augenpaares. die zurücklaufenden wellen des meeres hinterlassen im mondlicht auf dem strand einen matten glanz, in dem die umrisse eines liebespaares zu erkennen sind.

das werk überrascht durch seine hyperrealistische darstellung, die auflösung übersteigt klar das auflösungsvermögen des auges, selbst wenn man sehr nahe an das bild herangeht. man meint sogar, mit einer starken lupe müßten an den sonnenbeschienenen stellen des strandes einzelne sandkörner zu erkennen sein, so extrem fein ist die ausführung des bildes, die auch in lichtführung und perspektive als überzeugend bezeichnet werden muß, ja schon pedantisch exakt genannt werden kann. die auflösung geht sogar deutlich über die eines farbphotos hinaus. auch die helligkeitsverteilung ist extrem realistisch in bezug auf einen menschlichen betrachter gehalten, obwohl man letztlich mehr zu sehen meint als wirklich möglich wäre.

man steht also davor, hält das bild für ein wirklich gelungenes landschaftsbild, welches man vielleicht selber gerne so photographiert hätte, und will schon weitergehen, da überkommt einen eine innere unruhe. plötzlich bemerkt man, daß alles viel zu gut zu passen scheint. der betrachter meint unwillkürlich, kein mensch könne so ein bild gemalt haben, so echt sieht es aus, und doch hat man auf einmal das gefühl, irgendetwas stimme mit dem bild nicht.

man beginnt zu suchen, doch höchstens das als ursus maior vermutete sternbild scheint seltsam verzerrt, als sei das bild schon fünfzigtausend jahre alt, doch wie paßt das zu dem liebespaar, welches der betrachter ganz eindeutig in unsere heutige zeit einordnen muß? und jetzt entdeckt der betrachter auch, daß die ganzen details irgendwie nicht ganz zusammenpassen, gewiß, das ist alles nicht unmöglich, doch in welcher beziehung steht der heulende wolf zum liebespaar, zu einer steilküstenlandschaft, und was hat dieses unheimliche augenpaar in der höhle des kliffs in dieser friedlichen szenerie zu suchen? jetzt erscheint auch die fischflosse im fahlen mondlicht zur bedrohung, zur rückenflosse eines hungrigen hais zu werden, und die wolken rechts vom mond scheinen sich nun vor diesen schieben zu wollen, um die szene in völlige finsternis zu tauchen. bei diesem anblick beginnt der betrachter unwillkürlich zu frösteln.

ein blick auf das liebespaar und den friedlichen strand aber ändert die stimmung wieder schlagartig, das bild hat wieder einen ganz anderen charakter; die sterne leuchten ruhig am himmel, es ist wieder ein ganz normales kliff, nichts wirkt mehr unheimlich. die details erscheinen nur noch als schmückendes beiwerk. beinahe ist man wieder beruhigt, doch ganz läßt der zweifel einen nicht mehr los.

es wird klar, daß mehr hinter dieser darstellung steckt als ein einfach schönes landschaftsbild. die miteinander im konflikt stehenden details lassen den aufmerksamen betrachter nicht mehr zur ruhe kommen; trotz der hyperrealistischen darstellung und auch gerade wegen ihr tritt er dem bild nun mit skepsis gegenüber und sieht es plötzlich als das, was es ist: ein bild, eine vorstellung, eine projektion gewisser realer umstände, nicht aber eine mögliche realität selbst. dem betrachter wird die bildhaftigkeit des werkes bewußt, Neit Nisch gelingt es hier mit äußerst subtilen mitteln, im aufmerksamen betrachter ein ganz besonderes erlebnis zu bewirken, wird diesem doch mit einem male bewußt, daß die wahrnehmung der realität immer nur auf nicht ganz korrekten bildern und vorstellungen beruht. nie ist es die realität selbst, die man sieht, immer nur ein idealisiertes bild, eine vom betrachter geschaffene oberfläche, die man niemals gänzlich zu durchdringen vermag, um zur wirklichkeit vorzustoßen. dieses bild, geprägt von gedankenmodellen, gefühlen, wunschvorstellungen, ja dem eigenen weltbild, hilft einerseits, die phänomene der umwelt einzuordnen und dient damit als handlungsgrundlage, andererseits aber entstellt es die wirklichkeit, wenn vielleicht auch nur ein bißchen.

Neit Nisch vermag diesen inhalt ausgezeichnet in diesem bild zu verpacken, und gelingt es dem betrachter erst einmal, die oberfläche des werkes zu durchdringen und in seine tiefen vorzustoßen, steigt die bedeutung des bildes "Küstenlandschaft bei Nacht" schier ins unermeßliche, auch wenn man einsehen muß, daß man zum wirklichen kern, zur wahrheit des werkes nie wird völlig vordringen können, immer wird dem betrachter dabei das eigene bild vom bild im wege stehen, und alles bleibt von einem hauch von schein und täuschung und irrtum umgeben, der zweifel des betrachters bleibt ganz im sinne Neit Nischs wach und gerade dadurch wird der aufmerksame betrachter nicht müde werden, das werk immer wieder von neuem und neu zu ergründen...

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