Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Gegner?

Geschrieben: 1991-01-12

Auf der einen Seite eine steile Felswand, auf der anderen einen tiefen Abgrund, gehe ich den nicht allzu breiten Weg voran. Schon eine ganze Weile gehe ich so - allein - den sanft gekrümmten Weg, ohne mir eigentlich auch nur Gedanken zu machen, wie ich hier her komme, was ich hier will, warum ich diesen Weg überhaupt gehe, einmal abgesehen davon, daß es weit und breit keinen anderen gibt. In der Ferne sehe ich dann nach einer Biegung ein menschliches Wesen auf dem Weg stehen, mir zugewandt, offenbar auf etwas wartend, locker gegen die steile Felswand gelehnt. Bis auf einige Meter an ihn herangekommen, stellt er sich breitbeinig auf den Weg, streckt mir kurz und abweisend die flachen Handflächen mit abgespreizten, im wesentlichen nach oben zeigenden Fingern entgegen und spricht erläuternd: "Halt! Hier lasse ich dich nicht durch!" Ich bleibe also erst einmal in ein paar Metern Entfernung vor ihm stehen und frage ihn, warum. Er erwidert, wer könne das letztlich wissen, auf jeden Fall werde er mich hier nicht freiwillig durchlassen, ich müsse mir den Weg freikämpfen, wenn ich hier wirklich durch wolle. Ob er ein Wächter sei? frage ich, er antwortet: "Nein", doch durchlassen werde er mich trotzdem nicht. Wenn er in niemandes Auftrag hier stehe, ob er dann persönliche Interessen hätte, mich am Durchgang zu hindern? Wieder verneint er, der einzig relevante Punkt an der Situation sei, daß er mich hier nicht durchlassen werde. Ich versuche einen Kompromiß: Ich wolle nicht mit ihm kämpfen, er könne mich doch einfach vorbeilassen, das erspare uns beiden eine Menge Ärger, und ich erzählte es auch nicht weiter, niemand erführe, daß er mich nicht vorbeigelassen hätte und wir hätten alle Schwierigkeiten elegant umgangen. Er schaut mich mit blinzelnden Augen an: Das sei ein interessanter Vorschlag, leider könne er ihn aber nicht annehmen, gerne ließe er mich hier durch, doch praktisch gehe das einfach nicht, schließlich sei ganz allein ich der springenden Punkt in dieser Angelegenheit, es gehe eben nicht darum, daß er sich einigen Ärger erspare. Ich solle nur mit ihm kämpfen, dort vorne liege sogar ein Schwert, nicht zu schwer, gerade richtig für mich. Sicherlich könne ich ihn damit erschlagen und unbehelligt weiterziehen. Ich staune und erwidere, weder könne ich mit einem Schwert kämpfen, noch wolle ich überhaupt mit solchen Gewalttätigkeiten auf andere Menschen losgehen. Er lacht, vielleicht könne auch er nicht mit seinem Schwert kämpfen, so daß die Chancen für mich ganz gut seien, vielleicht wehrte er sich nicht einmal, sollte ich jedoch versuchen, einfach an ihm vorbeizugehen, so erschlüge er mich mit seinem Schwert ganz bestimmt, welches er mit diesen Worten zieht. Es sei ziemlich uninteressant, was ich wolle oder was ich nicht wolle, wie meine Einstellung zur Gewalt sei. Da ich diese Stelle passieren müsse, müsse ich ihn eben zuerst erschlagen, anders gehe es nicht. ich werde langsam ärgerlich, diese aus meiner Perspektive völlig absurde, da unvernünftige Situation beunruhigt mich allmählich, was soll ich tun? Ich kann doch nicht einfach durch die Welt gehen und meine Probleme dadurch erledigen, daß ich über andere Menschen herfalle und sie zum Beispiel erschlage, letzteres auch laut zu ihm sagend, grinst er, nicht alle meine Probleme könne ich so auf einfache Weise erledigen, manche aber schon, dies hier sei ein solches. Genervt schüttele ich den Kopf, es müsse einen anderen Weg geben, schreie ich ihm ins Gesicht. Er zeigt auf Abhang und Felswand und meint nur mit kühler, feststellender Stimme, ich sähe es doch, es gebe keinen anderen Weg, mit ihm ausdiskutieren könne ich die Sache ebenfalls nicht, Argumente könnten ihn nicht von seiner Position abbringen, daß er nur der Gewalt weiche, es gäbe keinen anderen Weg, als ihn zu erschlagen, sonst käme ich nicht weiter! Dieser Mensch regt mich auf, ich verstehe ihn nicht, denke ich wütend und weise in die Richtung, aus der ich gekommen bin, ich könne doch zurückgehen, ohne ihn zu töten, dann einen anderen Weg suchen. Er lacht wieder: Vielleicht gebe es hinter ihm Wegabzweigungen, ich müsse doch aber wissen, von dort, woher ich gekommen sei, gäbe es auf absehbare Zeit keine, außerdem gebe es doch keinen Weg zurück, das sollte ich eigentlich wissen, es gebe keine Alternative, nicht in dieser konkreten Situation. Ich überlege, setze mich erst einmal neben das am Boden liegende Schwert, lehne mich mit dem Rücken gegen die Felswand. Auch er lehnt sich wieder entspannt gegen dieselbe und blinzelt zu mir herüber, da gebe es nichts zu überlegen, ich solle ihn fertig machen, das Schwert für eventuelle weitere Zwischenfälle behalten, dann sei die Sache erst einmal erledigt. Probleme seien dazu da, beseitigt zu werden. Dieses unentschlossene Herumsitzen bringe überhaupt nichts, koste nur Zeit. Ich reagiere nicht. Wir schweigen etwa eine Viertelstunde, dann stichelt er, ich sei ein Feigling, habe wohl Angst vor dem Kampf, wie ich jetzt sähe, könne ich aber so nicht weit kommen. Man müsse den Realitäten des Lebens ins Auge sehen. Manche Dinge seien eben notwendig, auch wenn sie einem nicht gefielen, sonst komme man nicht weiter und trete auf der Stelle. Ich wende meinen Kopf zu ihm, natürlich hätte ich Angst vor dem Kampf, ich sei doch kein kompletter Idiot, doch vor allem wolle ich nicht mit irgendwelchen Waffen auf andere Menschen einschlagen und sie gegebenenfalls töten, wenn sie mir auf meinem Weg in die Quere kämen. Er könne meine Bedenken ja verstehen, doch einen Ausweg gebe es eben nicht, stellt er lakonisch fest und bietet mir an, wenn ich es verlangte, könne ja auch er mich angreifen, dann könne ich ihn sozusagen in Notwehr erschlagen. Das sei doch albern, erkläre ich. Wenn ich von ihm verlangte, er solle mich angreifen, und dann zu behaupten, ich kämpfte nur in Notwehr gegen ihn. Er meint, daß sei alles, was er für mich tun könne, ich müsse es nur verlangen oder ihn einfach so erschlagen, es bleibe mir überlassen, ganz allein meine Wahl, doch freiwillig durchlassen werde er mich hier nicht! Da ich zwischen ihm und dem Schwert sitze, sieht er nicht, wie sich unentschlossen und beinahe wie von selbst meine Finger um den Griff des Schwertes legen. Der Griff fühlt sich an, als sei er nur für meine Hand gefertigt. . .

Muß ich es tun?

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