Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Drei Fragen

Geschrieben: 2015-11-19

Die Frau stand etwas verloren auf dem weiten Platz, als sei sie beinahe mitten in der Bewegung erstarrt. Sie schaute nur selbstvergessen ins Nichts. Zögernd ging ich hinzu. Weil sie sich noch immer nicht regte, als ich vor ihr stand, fragte ich vorsichtig, ob ihr etwas fehle, ob man ihr irgendwie helfen könne oder solle?

Tatsächlich fand sie dann wieder ins Jetzt zurück und schaute mich zweifelnd an, die Stirn etwas runzelnd, nickte dann dann aber und meinte, sie hätte drei Fragen, ob ich ihr helfen würde, Antworten zu finden? Ich stimmte zu.

Ihre erste Frage: "Wann ist der Sonnenuntergang?" Ich überlegte einen Moment und meinte dann, der sei noch ein paar Milliarden Jahre hin, also kein Grund zu Eile und zur Beunruhigung. Sie nickte, gab zu, das leuchte ein, es sei ja noch nicht spät, es sei noch Zeit. Ich nickte: "Noch eine Menge Zeit von hier aus betrachtet!"

Bei ihrer zweiten Frage wies sie auf die am Platz stehende mächtige Kirche: "Warum haben die einen Kirchturm?" Ich überlegte wieder einen Moment und führte dann aus, dann wisse man immer genau, wo oben und unten sei, oben sei, wo der Turm spitz zulaufe, unten sei meist eine Tür, wo man rein könne, so könnten sich die Leute recht leicht orientieren, die rein wollten, wozu auch immer. Auch das schien ihr eine gute Erklärung zu sein: "Stimmt, wäre ja auch ziemlich anstrengend, oben nach dem Eingang zu suchen, so hat man immerhin einen Anhaltspunkt, auch wenn man gar nicht rein will, man ahnt bereits - Gebäude mit Turm - Kirche - wo die Spitze ist, ist oben, muß man nicht rein, wenn da solche absoluten Ansprüche von oben und unten herrschen! Man ist gleich gewarnt." Ich nickte, sie hatte wirklich kluge Gedanken und tiefsinnige Fragen.

So ergänzte sie die dritte Frage, wies dabei auf die Straße: "Warum fahren die immer hin und her?" Wieder mußte ich nachsinnen, darüber hatte ich noch nicht richtig nachgedacht. Dann antwortete ich: "Meist fahren die gar nicht so oft hin und her, die einen hin, die anderen eher her, manche erst Stunden später wieder anders herum. Hauptsächlich liegt das daran, daß die verwendeten Autos zum Fahren konstruiert seien. Gut, meist würden die herumstehen, hier und da, aber die Besitzer parken sie dann eben gerne auch mal um, viele parken sie täglich einige Stunden woanders. Dazu müßte sie eben damit fahren, um sie an einer anderen Stelle abzustellen, sich dann die Zeit vertreiben, einige Stunden später dann wieder weiter und wieder woanders einen Parkplatz ansteuern. Tatsächlich eignen sich die Autos gar nicht so gut, um ständig gefahren zu werden. Aber meist würden sie ohnehin nur herumstehen. Viele Leute besorgen sich sogar extra deswegen eine Arbeit, um das Auto zu finanzieren, mit welchem sie morgens zur Arbeit fahren und abends wieder zurück heim."

Sie schüttelte ungläubig den Kopf: "Das ist doch aber verrückt, wenn die Leute solch ein Auto gar nicht hätten, könnten sie ihre Zeit ganz anders nutzen, statt sich nur darum zu kümmern, das Auto umzuparken oder zu arbeiten, um es zu finanzieren." Ich nickte: "Schon, aber die Leute stehen drauf, wenn sie eines abbezahlt haben, kaufen sie sich auch meist gleich ein Neues, um dann auch dies wieder abzuarbeiten, das ist ihr Lebenszweck, ihnen fällt nichts besseres ein!"

Da nickte sie: "Na gut, wenn sie nichts besseres zu tun haben, ist so ein Auto dann ja offenbar eine gute Sache, um die Zeit totzuschlagen." Ich stimmte zögernd zu: "Gut, ich habe anderen Interessen, aber der eine so, die andere anders..."

Wir schwiegen eine Weile und dann fragte ich sie, ob es jetzt etwas besser sei. Sie nickte, "Ja, deine Antworten sind originell und gut. Mitten in meinem Alltag kamen mir mit einem Male Zweifel, ich verharrte in meinem Weg und wußte es einfach nicht mehr. Nun sehe ich wieder klarer. Eigentlich sind die Dinge recht einfach und doch beliebig komplex. Man sollte wohl öfter mal innehalten und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten, ihre Absurdität würdigen. Ich danke!"

So nickten wir uns beide zum Abschied zu und gingen unserer Wege.

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