Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

raschplatz

Geschrieben: 1990-04-13

die passerelle speit mich aus der bahnhofsunterführung direkt mitten auf den raschplatz aus, den ich mir ja nun endlich einmal ansehen will, extra deswegen bin ich hier her gekommen. ich stelle fest: weit und breit nichts von dem zu sehen, was ich als betonwüste bezeichnen würde, sicher nicht gerade das pralle leben, das übliche eben, die erde hatte sich aufgetan und ein paar hochhäuser ausgespuckt und als narbe dieser heftigen eruption war der raschplatz verblieben. der blick wird von diesen mittleren hochhäusern aus der tiefe des platzes in die höhe gezogen, direkt in die leicht diesig-grauen wolken hinein, nicht gerade das beste wetter, doch auch mit diesem wetter hat sich der raschplatz zumindest nicht als übler erwiesen als der rest der passerelle . die vergangenheit spukt in den köpfen der leute, ich gehe weiter.

unter der letzten überführung sehe ich die standardausstattung: ein paar sich lachend unterhaltende schwarze und einige schlecht aussehende blasse figuren. ein schlaffer haufen. mein weg führt zufällig direkt durch diese lockere gruppe hindurch, es ist genug platz, also denke ich nicht daran, einen umweg zu machen. ein ziemlich fertig aussehender junger mann raunt mir zu, als ich durch sie hindurchgehe, ob ich den stoff bringe? ich setze meinen weg ohne reaktion und verzögerung fort, die gruppe hinter mir lassend. die einen, von zuhause ins gelobte land aufgebrochen, suchen nun zwischen asylantrag und abschiebung an seinen geschäften teil zu haben, die anderen, mit der realität fertig oder von ihr fertiggemacht, nur noch auf den stoff wartend, aus dem die träume sind, der sie ihnen aber auch nicht bringen wird.

ich hatte schon lange keine träume mehr und stoff schon gar nicht, ich gehe die große treppe hoch und bin am ende der passerelle, aufgebrochen vom kröpcke, wo die masse der im kaufrausch vertieften durcheinander driftenden an den seiten der straße gegen die geschäfte spritzen, unter dem geschäftigen, per passerellenordnung weitgehend von übermäßigen alkoholkonsumenten gesäuberten bahnhof her über den nicht gänzlich leeren raschplatz bis zum ende der konsumstraße. konsum auf ganzer linie. ich habe nur ein bescheidenes geometriedreieck in der rechten, zu mehr hatte ich mich nicht hinreißen lassen. jetzt zurück? ich überquere die straße und tauche wieder ab, ein seitengang zurück zum bahnhof, rein in die u-bahn und weg.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D