Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

YOU GOT THE MONEY

Geschrieben: 1990-04-12

die tür zuschlagen, die stereoanlage mit einer cd füttern, bis zur schmerzgrenze hochdrehen und mich mit geschlossenen augen rückwärts aufs schweineledersofa werfen ist eins für mich, und ich kann nicht sagen, ob meine zähne vor wut oder durch die bässe im takt aufeinanderschlagen. es war passiert, und es mußte so kommen. ich versuche, überhaupt nicht zu denken und daran schon gar nicht! mir ist abwechselnd heiß und kalt, und ich fasse es nicht, es mußte so kommen, es mußte so kommen, immer wieder geht es mir durch den kopf - god is dead and an actor plays his part - donnert es aus den dreiwegelautsprechern, als ob es den je gegeben hätte! ich erinnere mich genau: das universum als resultat eines brechreizes...

von irgendwo ganz weit weg dringt ein klingeln bis zu mir durch, der ich mich gerade in die hinterste ecke meines kopfes zurückgezogen hatte, weg von dieser welt, ganz weit weg; das wort bleibt irgendwo im kopf hängen - klingeln - kann es aber zur zeit nirgendwo unterbringen, in realität umsetzen, alles geschieht automatisch, ein reflex, kaum daß ich es mitbekomme, ist die anlage ausgeschaltet und eine hand auf einem metallstück, welches sich vor meinen augen in eine türklinke verwandelt, offenbar bin doch ich es, der da gerade auf ein klingeln hin die wohnungstür öffnet. langsam dringe ich wieder bis zur realität vor, es hatte wohl geklingelt, an der tür, jemand wollte herein - die nachbarn wegen der musik? nein, ja, ich hätte es mir denken können, er ist es, höchstens eine stunde ist es her, und schon ist er da. sie haben ihn mir hinterhergeschickt, den freund - bekehren sein auftrag! er nimmt mir die tür aus der hand und geht voraus, ich schließe die tür und folge zusammengesunken. er nimmt sich erst saft aus dem kühlschrank und dann mein leben in die hand.

sie hätten mir verziehen, könnten mich verstehen, ich solle zurückkommen, morgen schon. er meint, ich solle mich erst einmal setzen, also sinke ich auf dem sofa in mich zusammen, während er sich im sessel niederläßt. ich schaue mit leeren augen drei zentimeter an seinem linken ohrläppchen vorbei durchs fenster in dunstige, graue wolken knapp über dem horizont zwischen den kronen der bäume. die beine übereinander geschlagen, einen arm locker über die lehne gelegt hält er den saft in partyplauderhaltung mit der anderen hand, das glas auf dem knie absetzend und damit hin und her kippelnd.

ich solle mich zusammenreißen, wenn ich es nicht machte, fänden sie eben einen anderen, gut, vielleicht ein halbes jahr verlust, oder sogar ein jahr, deswegen wollten sie mich doch auch gerne wiederhaben, damit die konkurrenz nicht doch vielleicht schneller sei. sie hätten sich den vers mit der verantwortung des konzerns für seine mitarbeiter und so weiter gleich gespart, das könne ich mir nach meinem auftritt vorstellen. sie schätzten mich, und zur zeit sei ich ihr zeitvorsprung, das sei die hauptsache. die worte kommen seinen hals herauf, streicheln warm seine zunge und strömen dann gleichförmig und wohlgeordnet aus seinem mund in den raum hinaus: durch meinen ausstieg werde es doch nicht verhindert, meine aktion also völlig vergeblich, aber nicht umsonst, denn geld werde es nicht nur mich kosten, sondern vor allem sie. er hätte für mich schon einmal problemlos 10% mehr herausschlagen können, sie seien dazu fest entschlossen, daran könne man es schon sehen. sie hätten sowieso schon 5 geben wollen, doch habe er schon mindestens 10 verlangt, sie hätten ohne zögern zugestimmt. da könne man noch mehr machen. ich könne doch nicht ernsthaft alles hinwerfen, könne dann meinen lebensstandard nicht halten und die schulden nicht bezahlen, ich sollte mir das genau überlegen. so eine chance bekäme ich nicht wieder, wenn er doch nur einmal soviel glück hätte.

morgen solle ich schon den neuen vertrag unterschreiben, er werde gerne mitkommen, da ließe sich auch eine erhöhung von 15% locker rausholen, ich sei ja so bescheiden und ungeschickt in solchen fragen, man merke doch, was man herausschlagen könne. gegen ende des projekts müßten sie mir dann praktisch zahlen, was ich wolle, das sei für sie gar nicht wichtig, bei den summen, um die es dann gehen werde. eine phantastische chance. man müsse das einmal so sehen; ein einfacher arbeiter verkaufe nur seinen körper, wir aber unser denken, beides sei prostitution, doch da wir unsere identität mitverkauften, sei der preis bei uns höher. je dreckiger die arbeit, desto mehr müsse man die eigenen überzeugungen verkaufen, desto höher unser preis.

ja, früher sei das anders gewesen, natürlich habe man während des studiums gegen solche dinge sein müssen, die können die kriecher doch genauso wenig wie die radikalen gebrauchen, man muß schon etwas zu verkaufen haben. im studium sei das schon richtig so, schließlich sei es die aufgabe der kommenden generation, den von der vorhergehenden hinterlassenen dreck in den griff zu bekommen, doch inzwischen seien wir doch einen schritt weiter, inzwischen gehöre man längst zu den produzenten, das sei nicht zu vermeiden, denn hätten wir nicht mitgemacht, hätten andere job und geld bekommen, das müsse man ganz klar sehen, für die ist niemand unersetzlich, und alles hat seinen preis.

außerdem sei heute nicht mehr die frage, ob lieber fünfzig jahre gut oder achtzig jahre schlecht leben, bei dem dreck da draußen und den möglichkeiten der medizin habe man in beiden fällen siebzig jahre - die größenordnung, ich verstände - egal ob gut oder schlecht gelebt, und dann doch wohl lieber gut, wenn man wählen könne. wenn man pech habe, bekäme man von irgendeinem zeug noch krebs und sei noch früher hin, wenn man dann nicht einmal gut gelebt habe, sei doch alles schikane gewesen, betrug, ein einziger witz.

ich hasse ihn, weil er mich überzeugt.

die sorge um die kommenden generationen, das sei doch firlefanz, diese gesellschaft habe eine solche eigendynamik, daß man da gar nicht gegen anschwimmen könne. das solle ich mir ja nicht einbilden. das leben sei ein kampf ums überleben, nur in einem solchen system könne man so schnellen fortschritt erzielen. er nimmt einen schluck saft und schaut mich an. ich bin zerbrochen, fertig. er lacht, ich solle das alles nicht so schwer nehmen - life is hard, you have to deal with it - and win! - ich könne es doch nicht ändern, es gehe wahrscheinlich alles den bach runter, da hätte ich schon recht, aber warum dabei nicht einen logenplatz haben?

er steht auf, stellt das leere glas auf den tisch, streift einmal mit den händen über seine verwaschenen jeans und geht im zimmer herum, sich kurz auf die zehenspitzen stellend streckend, an sich herunterschauend, die hände in den taschen vergrabend, sich dann wieder entspannend und weiterschlurfend, mein freund, es ist grauenhaft, mir sitzt der kloß, an dem ich würge, nicht im hals, sondern direkt irgendwo unter der großhirnrinde und macht mir den tag zum horrortrip. mein mund ist trocken, mir ist schlecht, und ich überlege, was ich in wenigen wochen alles nicht mehr haben werde, meine hand neuen autolack streichelnd geht mir spontan durch den kopf, seine worte wirken, die pause in der gehirnwäsche ist wohldosiert, er schaut mich an, ob ich noch mehr nötig habe, ich schaue ins leere zwischen elektronenhülle und atomkern irgendwo in einem fleck auf seiner hose, doch da ist niemand, der mir hilft. ich bin allein und falle in diese leere.

er philosophiert weiter, eine hauchdünne staubschicht von der anlage wischend. sie hätten nicht nur verständnis für mich und meine reaktion, ja, sie begrüßten es gewissermaßen sogar, wenn sich ein mitarbeiter nicht nur eigene gedanken mache, sondern sie auch offen ausspreche, das sei sehr wichtig. wahrscheinlich hätte ich ihnen durch meinen auftritt schon eine menge ärger und viel geld erspart, können sie sich doch so schon heute auf potentielle reaktionen aus der öffentlichkeit präventiv einrichten. ich solle auch nun nur nicht glauben, daß das etwas bringe, wenn ich damit an die öffentlichkeit ginge, das erlebe man doch jeden tag, das gäbe höchstens eine halbe woche aufregung, dann hätten die leute ein anderes thema, sie vergessen ja so schnell, völlig zu seien sie mit nachrichten. es jage doch eine katastrophe die andere, und ein skandal löse den nächsten ab. keine chance für idealismus und engagement. heute eine welthungerhilfeshow und morgen ein notopfer für die hinterbliebenen eines flugzeugabsturzes. sie würden außerdem sowieso dementieren, dem kind einen anderen namen geben und nicht einen tag dadurch verlieren, erreicht hätte ich überhaupt nichts, ich könne nichts gegen sie tun, das sei widerlich, aber wahr.

er hat das henkerlächeln aufgesetzt, und ich bin das opfer, bin sozusagen schon erledigt. im wesentlichen sei es das gewesen, meint er, er macht eine geste zur tür, ich erhebe mich mühsam und wanke hinter ihm her. ich solle mir am besten eine familie anschaffen, eine frau mit einem job in etwa wie meinem, dann könnten wir uns gegenseitig festhalten, dann sei alles leichter, man habe dann eine verantwortung und wisse, wofür das alles! an der tür klopft er mir die schulter, das werde schon wieder, morgen früh hole er mich ab, das sei doch okay, die 15% würden wir herausschlagen, meint er, es gehe immer irgendwie weiter, ich sähe schlecht aus, sollte mich vielleicht einmal mit dem kopf über das klo hängen, das sei ein harter tag gewesen, er nickt, geht zu seinem auto und ruft im einsteigen über die seitenscheibe hinweg - bis morgen also - hält einen moment inne - you know, you got the money - ich gurgele ein unverständliches 'bis morgen', nicke, laufe zum klo, muß mich übergeben und sehe in der schüssel halbverdautes mit deutlich erkennbaren überresten des mittagessens: filetsteak, reis-gemüsemischung, salat. - you got the money - ich ziehe ab, und einen moment sieht es so aus, als verschwände der raum um mich herum, die ganze erde, die ganze welt mit dem erbrochenen in dem nur durch den strudel zu erkennenden loch . . .

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D