Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Iß!

Geschrieben: 1989-09-07

Sie sagen: "Iß!"
und ich frage: "Schon wieder essen?",
sie sagen nur "Iß!"

Bald schon ermüdet sage ich: "... immer essen ..." und greife zu und esse, auch wenn ich satt bin.

Und ich esse und esse, und sie sagen noch immer: "Iß!" und ich sage "... immer essen ...", schon erschöpft und voll und dem Übergeben nahe, und esse dann doch weiter, immer essen, denn sie sagen: "Iß!"

Und ich frage: "Schon wieder essen?"
"Iß!"

Und manchmal genieße ich ja auch, doch jetzt stelle ich mir vor, wie ich ihnen ins Gesicht schreie. Ich stünde auf und stellte mir all das Essen lebend vor, dann das blutige Fleisch, schon süßer Leichengeruch in der Luft, und die Pflanzen schon welk und faulend, und ich zwänge das Ekelgefühl herauf.

Ich schriee zu ihnen: "Satt! Satt ..." und machte kehrt und liefe, ohne zu wissen, wohin, und alte Visionen befielen mich, und ich liefe, vom süßen, faulen, verwesenden Geruch verfolgt, weiter, und doch ohne Kondition, und doch liefe ich weiter, liefe, alles zurücklassend liefe ich in einen diffusen Nebel, der langsam dichter wird, liefe ich, weiter, dichter Nebel, nichts mehr zu sehen, immer weiter Nebel wird grau, trotzdem weiter, Grauen, grau, grauenhaftes Nichts, dichtes Grauen, liefe, weiter, dunkler, dichter werdend, umklammerte mich, risse an mir, Grauen, Widerstand, weiter, erschöpft, weiter, liefe, zähes schwarzes Grauen, weiter, schwarz, alles schwarz, alles löste sich auf, nichts, Nichts, der Boden weg, fallen, freier Fall, mit dem Rücken nach unten, fallen, riesiges, unendliches Nichts, ich immer kleiner werdend, fallen, Nichts, Nichts, Nichts, Nichts immer größer werdend, fallen ... und schlüge auf und sitze wieder vor dem Essen, und zögernd nehme ich noch etwas und deute nicht einmal ein Recht auf eigene Fehler an, da ich viele schon jetzt als solche erkenne. Ich esse weiter, langsam, wenig, es fällt schwer, doch die Trägheit läßt mich hier nicht fallen ...

... immer essen ...

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