Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Unwissenheit und wie sich damit leben läßt

Geschrieben: 1990-07-02/03

Seit eh und je ist dem Menschen am wohlsten in einer Art geistigen Dämmerlichts, im Ungefähren und Unbestimmten, im Läßlichen und Warm-Konkreten; er will es gar nicht 'so genau wissen' - und braucht es im täglichen Leben auch nicht.
Harro Heuser

Eines Tages sprach der Weise Ignor zu seinen Leuten: "Freunde, man kann nicht wissen, und damit auch nicht beurteilen, ob die von uns wahrgenommenen Dinge Wirklichkeit sind. Die 'Dinge an sich' sind niemals Gegenstand unserer Erkenntnis, wenn es sie überhaupt gibt, das sagte schon Kant; und ich sage, man kann nicht wissen, denn das Seiende ist dem Menschen nicht unmittelbar zugänglich, und die Mittel zu seiner Wahrnehmung nicht sämtlich überprüfbar. Nicht länger will ich Sklave der eigenen Unwissenheit und Wahrnehmung einer nur potentiell so vorhandenen Umwelt sein. Ich werde mich jetzt dort unter dem Baum in den Schatten setzen und nicht mehr auf das reagieren, was mir meine Sinne über meine Umwelt mitzuteilen scheinen, ist doch gänzlich ungewiß, ob das, was sie mir vermitteln, überhaupt Realität ist oder vielleicht doch nur eine gewaltige Täuschung."

Nachdem er so gesprochen hatte, ging er zu bezeichnetem Baum, setzte sich an seinen Stamm und war durch nichts und niemanden mehr zu irgendetwas zu bewegen. Bald darauf schon starb Ignor an Durst oder Hunger, einer potentiellen Sinnestäuschung seinerseits.

Davon hörte sein alter Freund Tiva und reiste zu jenem Baum, wo er die wegen des trockenen Klimas mumifizierte Leiche vorfand und wenig davon entfernt Ignors trauernde Leute oder Anhänger. Tiva ließ sich erzählen, wie es dazu habe kommen können, und mit der von jemandem vorgebrachten Erklärung Ignors hob abermals ein großes Klagen an.

Tiva aber sagte, sein Freund Ignor habe richtig gehandelt. Tatsächlich könne man nicht ohne Voraussetzungen wissen, und wolle man nicht länger Sklave der eigenen Unwissenheit und Wahrnehmung sein, so sei es ein durchaus konsequentes Vorgehen, fortan die nur potentielle Umwelt, wie sie einem von den eigenen Sinnen präsentiert werde, zu ignorieren, um sich damit so oder so von ihr zu befreien.

Selbstverständlich habe Ignor dadurch in dieser potentiellen Realität sterben müssen, denn diese sei ja nun einmal so beschaffen, daß man in ihr sterbe, wenn man nicht mehr auf sie reagiere, sprich: mindestens esse und trinke, sich am Leben erhalte. Doch damit habe Ignor sicherlich gerechnet, wenngleich bis zu seinem Ende Durst und Hunger aus seiner Perspektive nur potentielle Sinnestäuschungen gewesen seien. Danach habe sich Ignor in jedem Falle von dieser Realität getrennt - so oder so - auf jeden Fall mit dem Resultat, daß für die potentiell in dieser potentiellen Welt verbliebenen keine Informationen mehr von ihm kommen könnten, so daß man also aus Ignors Tod keine relevanten Erkenntnisse ziehen könne, insbesondere, ob das von ihm wahrgenommene Realität gewesen sei, er demzufolge jetzt nicht mehr existiere.

Wolle man aber mit Sicherheit leben und erleben, was man wahrnehme, so gehe letztlich kein Weg daran vorbei, bei seinen Überlegungen miteinzukalkulieren, daß die potentielle Realität wie wahrgenommen doch existiere und die eigene Existenz untrennbar von ihr abhänge, und es sei zu überlegen, wie in ihr gehandelt werden müsse, um in ihr zu überleben und möglicherweise dabei noch so zu leben, wie man es selbst für richtig halte. Für den Fall, daß das Wahrgenommene doch nicht existiere, könne solch ein Vorgehen nicht schädlicher sei als irgendein anderes, denn dann sei es nicht möglich, angemessen auf die Realität zu reagieren, weil man dann überhaupt nicht wissen könne, was Realität sei. Und in dem Falle, daß das Wahrgenommene eine nachvollziehbare Beziehung zur Realität habe, liege man mit der Überlegung sowieso richtig.

Einer der Anhänger von Ignor warf daraufhin ein, man könne doch aber nicht wissen, und das soeben Gesagte garantiere weder ein möglichst langes und gutes Leben noch irgendwelche Erkenntnisse über die Realität.

Darauf erwidert Tiva, was sie denn eigentlich wollten, sie stimmten doch Ignor zu, daß man nicht wissen könne, er sage nur, wie man möglicherweise trotzdem überleben könne, wenn man das wolle, nur darum gehe es, nicht darum, irgendwelche fundamentalen Wahrheiten herauszubekommen. Tatsächlich sei es sogar ganz offensichtlich so, daß die aus dem Wahrgenommenen gezogenen Erkenntnisse die Umwelt höchstens näherungsweise korrekt abbildeten, er habe auch nur davon gesprochen, daß wahrscheinlich ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen der Umwelt und dem Wahrgenommenen bestehe, daß das Wahrgenommene nicht direkt die Realität sei, sei eine Binsenweisheit. man könne natürlich auch nicht wissen, ob tatsächlich ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Wahrgenommenem und der Realität existiere, doch gäbe es ihn nicht, gäbe es mit Sicherheit keine Erkenntnis über der Realität, während die aus dem Wahrgenommenen resultierenden Erkenntnisse zwar nicht die Wahrheit verkündeten, aber doch für den Fall das Leben in der Realität ermöglichten und im Idealfall erleichterten, daß es den Zusammenhang gebe, sonst seien die daraus gezogenen Erkenntnisse falsch und nutzlos wie alle anderen, also weder besser noch schlechter, wahr oder unwahr wie alles, was sich nicht nachvollziehbar auf die Realität beziehe. Somit ermögliche das Eingehen auf das Wahrgenommene möglicherweise eine bessere Chance zum Leben und Erleben, niemals jedoch eine schlechtere als alle anderen Möglichkeiten, auf das Wahrgenommene zu reagieren oder es zu interpretieren, wenn man überleben wolle.

Ignor habe ihnen die einzige wißbare Wahrheit mitgeteilt, daß man nicht wissen könne, er aber habe nur versucht zu erklären, wie man damit fertig werden und trotzdem leben könne, wenn man das denn wolle. Selbst wenn alles nur eine gigantische Täuschung sei, käme es doch im Prinzip auf das Gleiche heraus, ob man das Leben nun wirklich genieße oder dies einem nur so erscheine, seinen Spaß habe man so oder so dabei, denn eine perfekte Täuschung habe es nun einmal so an sich, daß man nicht wisse, ob es tatsächlich eine sei. alles andere laufe also nur noch darauf hinaus, möglichst genau über seine potentielle Umwelt informiert zu sein, um in ihr gezielt und nach eigenen Wünschen handeln zu können.

Viele von Ignors Anhängern verstanden und trauerten nicht mehr allzu lange um Ignor, der seiner Unwissenheit nicht länger zu widerstehen vermocht hatte, und sorgten sich fortan um ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen statt um fundamentale Wahrheiten, während sich ein paar wenige zu Ignor setzten und es ihm nachtaten, mit der Begründung, sie seien nicht bereit, die Philosophie von der Suche nach den Wahrheiten auf die Suche nach einem möglichst guten Leben zu reduzieren; wenn Ignor festgestellt habe, man könne nicht wissen, wollten sie auch nicht länger in einer Welt ohne wahre Erkenntnismöglichkeit, einer Welt ohne Wahrheit leben.

Das Verhalten dieser verteidigte Tiva aber gegen die Einwände der neuen Pragmatiker: Unwissenheit könne frustrierend sein, und einige könnten sie nicht akzeptieren und mit ihr leben. allerdings habe ihnen schließlich niemand versprochen, daß die Welt so sein müsse, wie sie es gerne hätten, letztlich müsse jeder selbst wissen, ob und wie er mit sich und seiner Welt und der eigenen Unwissenheit fertig werde.

Die Geschichte jeder bedeutenderen galaktischen Zivilisation macht drei klar und deutlich voneinander getrennte Phasen durch - das bare Überleben, die Wissensgier und die letzte Verfeinerung, allgemein als die Wie-, Warum- und Wo-Phasen bekannt.
Die erste Phase zum Beispiel ist durch die Frage gekennzeichnet: Wie kriegen wir was zu essen?, die zweite durch die Frage: Warum essen wir?, und die dritte durch die Frage: Wo kriegen wir die besten Wiener Schnitzel?
Douglas Adams ("Per Anhalter durch die Galaxis")

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