Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Der Stein des Anstoßes

Geschrieben: 2000-06-04

Ja wie soll ich es jetzt sagen, also vielleicht mit einem Beispiel.
Stellen wir uns also vor, was vorgefallen sein könnte.

Neulich könnte das passiert sein, als ich mal wieder mit dem Rad auf dem Heimweg war und in einem bereits reduzierten Bewußtseinszustand reflexartig auf dem Radweg herumirrenden und rollschuhschlingernden Fußgängern auswich.
Ja also da könnte es passiert sein, das, ja was?
Man weiß nicht wie, aber jeder kennt das wohl, plötzlich ist er einfach da, der Stein des Anstoßes, eigentlich ja nur ein Steinchen, wir wollen das ja nicht übertreiben, aber ein spitzes Steinchen - einfach so zwischen Schuh und Fußsohle ist er gerutscht. Und beim Zutreten fühlt man es dann ganz unangenehm kribbeln. Plötzlich ist man wieder ganz wach, ist gar bereit einzusehen, daß es ganz unnötige Aufregung ist mit den Fußgängern auf dem Radweg und all den anderen Kleinigkeiten im alltäglichen Leben, die sich so eingeschlichen haben und über die man sich dumpf ärgert, daß es kaum noch bewußt wird.

Dieser Stein des Anstoßes führt dann also ganz unvermittelt zu dieser bewußtseinserweiternden Erfahrung, man ist hellwach und alles erscheint in einem anderen Licht, distanzierter und doch nicht weniger real. Alles wird ganz klein und unwichtig, und es ist ganz deutlich zu spüren, es muß etwas ganz anders werden, man will etwas tun - nicht wirklich gegen die Fußgänger auf dem Radweg - obwohl man natürlich hofft, daß da auch mal jemand was gegen unternimmt - nein, etwas Persönliches im Leben will man ändern, etwas Wichtiges, jetzt wo man schon mal aufgewacht ist, ja da will man das ja auch ausnutzen, wenn schon nicht sofort - weil im rasanten Tempo auf dem Rad ist das schlecht zu machen - dann doch wenn man Daheim ist, oder wenigstens Morgen oder aber gewiß diese Woche, ganz sicher bis Ende des Monats wird alles anders, nimmt man sich vor.

Und verlaßt euch drauf, so wird es kommen, denn der Stein des Anstoßes - den ich übrigens als wichtige Reliquie meines Erwachens sorgsam aufheben werde - ja der hat an meinen Fußsohle ein unangenehmes Prickeln ausgelöst, was ich nicht so schnell vergessen werde, nein, das werde ich nicht! Ihr werdet schon sehen!

Und nun gehet hin (und in euch) und tuet desgleichen, liegen ja noch genug Steine herum da draußen in der großen weiten Welt...

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