Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Marktfrau

Geschrieben: 2013-10-29

Ich schlenderte eigentlich nur und nichts erregte wirklich mein Interesse. Der Markt sprach mich mit nichts an. Bei dem Stand, an dem ich gerade vorbeiging, zierten Verteilungen von preisbeschilderten Nichtigkeiten den Verkaufstisch. Dahinter stand die Marktfrau, stets bereit alles zu geben, oder aber vielleicht auch nicht, wer konnte das schon so genau sagen, ob sich hinter ihrem Lächeln Gewohnheit oder Engagement und echtes Interesse an ihren Produkten verbarg?

Vielleicht hatte ich einen Augenblick gezögert und so bei ihr den Eindruck erweckt, an irgendetwas Interesse zu haben. Gleich wandte sie sich mir zu, um mir mit ihrem Geschäft dienstbar zu sein. Ich hatte indessen nicht einmal bewußt wahrgenommen, was sie eigentlich anbot. Mir bot sie ihre eigene momentane, überzeugende Präsenz an, der man sich nicht widersetzen konnte oder auch nur wollte. Aber irgendwie funktionierte der Trick, sich mir zuzuwenden und ich war irgendwie gefangen und etwas peinlich berührt, wohl mit einer falschen Geste oder Bewegung, dem Aufblicken ihre Aufmerksamkeit auf mich gezogen zu haben, etwas von ihrer Zeit in Anspruch genommen zu haben, etwas von ihrem Lächeln genommen zu haben.

Gleich pries sie einige ihrer Nichtigkeiten an, aber die Bewegungen ihrer zwar schlanken, aber realistischen, nicht etwa püppchenhaft grazilen Hände verdienten viel mehr Aufmerksamkeit als die Produkte auf die sie wies. Der Klang ihrer Stimme verdeckte vollkommen, was sie sagte. Es war ein selbstbewußter, in sich ruhender Klang, nicht so affektiert und aufgesetzt wie man hätte meinen können, sondern irgendwie echt, daß ich beeindruckt war. Automatisch mußte ich überlegend nicken zu dem, was sie sagte, so schön sagte sie es, was immer es auch für Belanglosigkeiten über die feilgebotenen Dinge sein mochten.

Mit wagen Gesten folgte ich nun ihren Ausführungen, was sie wohl irgendwie als Interesse interpretierte. Meine Blicke wechselten von den Nichtigkeiten zu ihren lebendigen, ruhig blickenden Augen. Ich wußte nicht, wohin das führen sollte, denn von all diesen Nichtigkeiten verstand ich doch nichts und konnte nichts brauchen. Und da gab es so viel davon. Doch die Marktfrau war viel lebendiger und präsenter als all dieses beliebige Zeug.

Sie bot mir mit einer ihrer schön geformten Hände zu kosten an. Ich beugte mich weit zu ihr hin, nahm es und kostete von dem üppigen, saftigen Fleisch der nichtigen Frucht, fast gleich aus ihrer Hand, daß etwas Saft mir über das Kinn lief und hinunter tropfte. So aus ihrer Hand schmeckte es süß und köstlich und sie belebte die Nichtigkeit durch ihre Präsenz gleich zu etwas Wundervollem, Besonderem, daß ich davon haben mußte.

Irgendwie hatte sich mich, bestimmte die angemessene Menge aus ihrem unermeßlichen Füllhorn des Seins und wir tauschten profanes Geld gegen ihre nun magische Essenz realer Präsenz, daß ich glaubte, ich hätte den Topf voll Gold vom Ende des Regenbogens erstanden, nein, den Regenbogen selbst, nein das Licht darin selbst seien in einem magischen Strom von purem Sein durch die fleischlichen Früchte in die Tüte und dann in meinen Besitz gelangt.

Es schien mir peinlich und unangemessen, ihren Schatz gegen schnödes Geld getauscht zu haben, ihr diese Pracht genommen zu haben, doch sie gab es leicht und ohne zögern, als hätte sie mehr davon, als sie brauchte, als gewönne sie noch durch ihre großzügige Gabe, als erfüllte sie diese Gabe selbst mit dem großen Glück, was einem widerfährt, wenn man anderem Glück geben kann. Und doch ließ sie es sich kaum anmerken, wie sehr sie dies bewegen mußte.

Wie dem auch sei, die Transaktion war abgeschlossen und die gute Marktfrau wurde offenbar bereits von einem anderen Kunden angesprochen. Ich konnte noch immer nicht erkennen, welche Nichtigkeiten eigentlich angeboten wurden. Ich ziehe weiter, der Moment war vorbei und die Tüte mit dem Nichtigkeiten wog schwer. Was sollte ich damit? Ich wagte nun noch einen Blick in die Tüte, aber der Moment war verflogen und ich konnte nicht anderes darin erkennen, als irgendwelche Nichtigkeiten. Immerhin, Obst ist gesund und das sollte für die Woche schon reichen, vielleicht etwas länger.

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