Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

der ideale staat

was soll ich? einmal etwas wirklich wichtiges erzählen? jetzt, wo wir zeit haben, das würde ich doch niemals tun, es könnte sonst noch jemand ernst nehmen und dadurch vielleicht in seinem späteren leben zu schaden kommen, nun, ich erzähle euch lieber die geschichte, wie gnor den großen politiker luthem von seinem heimatplaneten emigrieren sollte und dabei eine betrachtung zum idealen staat zum besten gab. ist euch das recht? ich weiß ja nicht, aber ich dachte mir, das sei ganz lustig und daher interessant. fein, lege ich also los...

es war einer der letzten offiziellen aufträge, die gnor als raumfahrer erledigte.

er ist gerade auf dem planeten wallret gelandet, als er auch schon zum büro der zuständigen person weitergeleitet wird. diese bittet ihn, platz zu nehmen, und fragt, in wie weit er über die angelegenheit unterrichtet sei. er erwidert daraufhin, sein auftrag sein, eine person von der regierung des planeten wallret zu übernehmen und zum hauptsystem zu fliegen, sofern dies von der wallretischen regierung wirklich erwünscht sei. die person sei für ihn nicht als über das normale maß hinaus gefährlich anzusehen und daher als passagier zu behandeln, aber auf dem planeten wallret von da an nicht mehr erwünscht. die zuständige person nickt, sie wolle das etwas näher erläutern, da gnor immerhin mit ihm fliegen müsse. es handele sich um luthem, ein doch wohl bekannter politiker, gesteht die person, und gnor weicht erschreckt zurück, wenn man ihm das vorher gesagt hätte, hätte er versucht, sich vor diesem auftrag zu drücken. sein gegenüber lächelt, das hätte sie wahrscheinlich auch versucht, deswegen habe man ihm das wahrscheinlich auch vorher nicht eröffnet. wie es denn dazu habe kommen können, möchte gnor wissen, und so wird ihm die vorgeschichte mitgeteilt, die ich euch nun auch kurz erläutern möchte.

es begann eigentlich alles mit dem ersten großen galaktischen vertrag, den ja nunmehr nahezu alle bekannten zivilisationen unterzeichnet haben. ihr wißt ja, darin geht es um die begrenzung von umweltkatastrophen. eine regelung, die insbesondere technische katastrophen raum-zeitlich in engen grenzen halten sollte. größenordnungsmäßig war es nach dem ersten galaktischen vertrag gerade noch erlaubt und damit eine angelegenheit der lokalen regierungen, die eigene sonne zu einer supernova zu machen, wenn man sich in einem nicht allzu belebten teil der galaxis befand, man weiß ja, was dabei für ein dreck in die gegend gepustet wird, was von nahen nachbarn nicht gerne gesehen wird. da das die wenigsten zivilisationen aber vorhatten, erreichte man mit diesem vertrag einen breiten konsens als basis für schärfere vertragswerke.

der zweite galaktische vertrag reduzierte den räumlichen aspekt schon auf die größenordnung eines planeten, und auch damit erreichte man weitgehende übereinstimmung. inzwischen waren dem ersten vertrag schon viele extragalaktische zivilisationen beigetreten, und das ganze kam nun richtig ins rollen.

nach harten auseinandersetzungen gab es dann bald den dritten galaktischen vertrag, der wenig später zum ersten universalen zivilisationenvertrag ausgeweitet wurde, der belebte und unbelebte planeten und sonnensysteme mit einem komplizierten regelwerk vor der willkür der zivilisationen schützen sollte, indem damit umweltkatastrophen auf raum-zeitlich eng begrenzte lokale umgebungen beschränkt wurden. zum beispiel war nach diesem vertrag die technische nutzung der atomspaltenergie so gut wie ausgeschlossen, da niemand garantieren konnte, daß seine anlagen und abfallprodukte so sicher sind, daß sie bei katastrophen die vorgeschriebenen raum-zeitlichen umgebungen nicht überschreiten. besondere aufmerksamkeit widmete man also dem erhalt der biosphären auf zivilisationsbefallenen planeten, soweit noch vorhanden. aber das brauche ich ja nicht ausführlicher zu erläutern, das wißt ihr sicher alles viel besser als ich.

viele zivilisationen verschärften aber diese umweltschutzgesetze noch zusätzlich, wohl vor allem aus angst vor der eigenen dummheit, sich aus versehen selbst zu vernichten. eine solche verschärfung gelang auch in der regierungszeit von luthem, allerdings auf druck weiter bevölkerungsschichten hin und kurz vor einer wahl - auf wallret hausen ja parlamentarische demokraten. und so wurde luthem tatsächlich wiedergewählt. beim nächsten wahlkampf aber entwickelten sich diese schärferen umweltschutzgesetze zum bumerang. zunächst bezeichnete ihn die opposition in einem wahlkampfgag nur als umweltkatastrophe entsprechend der verschärften gesetze, und ihre argumentation wurde mit der zeit so gut, daß sich die zuständigen behörden einschalteten und eine offizielle untersuchung durchführten. das ergebnis war für luthem eine katastrophe, beziehungsweise es stellte sich heraus, daß er tatsächlich eine katastrophe im sinne der eigenen gesetze war, so schlecht war seine regierungsarbeit gewesen. die opposition gewann daraufhin nicht nur die wahl, sondern luthem sollte nach absprache mit dem hauptsystem auch noch dorthin emigrieren.

deshalb soll gnor ihn also abholen. soweit unterrichtet übernimmt gnor seinen passagier und bricht sogleich in richtung hauptsystem auf.

luthem beginnt schon bald, sich mit mißmutigem gesicht über die ungerechtigkeit der welt auszulassen und insbesondere über die seiner mitmenschen. das sei nun der dank für seine jahrelange, aufopferungsvolle arbeit, einfach hinausgeschmissen, wo sie ihm doch so viel zu verdanken hätten, er hätte doch wohlstand und ordnung erst gesichert, hätte die leistungsbereitschaft des gesamten volkes enorm erhöht, indem er die maschen des sozialen netzes wieder weiter machte, er hätte ein wachstum erreicht, wovon andere nur geträumt hätten, er hätte die freie marktwirtschaft konsequent durchgesetzt, das prinzip von angebot und nachfrage in fast allen bereichen des lebens durchgesetzt, auf das ein allgegenwärtiger konkurrenzkampf unter den bürgern sei. er habe das verlangen nach besitz und mehr besitz als die anderen wieder in die köpfe der schon allzu zufriedenen zurückgebracht. das alles rufe erst die gesellschaftliche dynamik hervor, die man im allgemeinen fortschritt nenne. markt und staat dem freien spiel der kräfte, der macht des geldes überlassen, nur so könne der wohlstand erreicht werden, der von allen gewünscht werde, natürlich mit einem noch durchaus vorhandenen sozialen netz, daß es den nicht mithalten könnenden gerade nicht so schlecht gehe, daß sie ernsthaft meuterten. den erfolgreichen aber die macht und den wohlstand, das hätten sie sich verdient, hätten sie sich doch selbst durch den fortschritt für den staat verdient gemacht und den eigenen besitz im gesellschaflichen kampf erobert. ja sogar das verschärfte umweltschutzgesetz - im prinzip der freien entwicklung von industrie und markt nur hinderlich - sei ein resultat des marktes, von angebot und nachfrage gewesen. hätte er es nicht angeboten, wäre er nicht wiedergewählt worden, wirft gnor ein, und luthem wirft ihm dafür einen stechenden blick zu.

es sei doch kein wunder, daß er mit der politik diesem gesetz zum opfer gefallen sei, fährt gnor fort, und ärgerlich erwidert luthem, die geschichte werde schon zeigen, daß er recht gehabt hätte, es werde schon bald eine gewaltige depression auf wallret einsetzen, jetzt wo er gegangen sei, doch so sehr sie ihn auch riefen, er werde dann nicht zurückkommen, nach dieser schmach! aber wenn gnor so schlau daherrede, solle er doch erzählen, wie ein staat aussehen solle und wie man das erreichen könne, auch mit einem dummen volk, ohne vorher abgewählt zu werden durch irgendwelche propaganda, wie historische entscheidungen fällen, ohne sich unbeliebt zu machen, wie sich bei einer bevölkerungsschicht beliebt machen, ohne daß es auf kosten der beliebtheit bei einer anderen gehe, das sei alles gar nicht so einfach, man müsse da ein klares auge haben für die dinge, auf die es wirklich ankomme; irgendwelche utopien könne ja jeder in die welt hinausposaunen, die sich auch wirklich gut anhörten, sie dann aber nicht realisieren können, nicht einmal mit den alltäglichen problemen eines realen staates fertig werden können, das sei doch typisch. nur heraus damit, gnor solle nur einmal zum spaß in der zeit dieser reise sein programm vorstellen.

was solle er da groß vorstellen, erwidert gnor, er könne nur die grundanforderungen an einen idealen staat kurz skizzieren, ob es ihn dann wirklich geben könne und wie er konkret aussehe, hänge entscheidend von seinen bürgern ab.

zunächst einmal seien auf jeden fall günstige und stabile umweltbedingungen nötig, dazu zähle auch, daß nahrungsmittel und andere lebenswichtige dinge auf dauer für die ganze bevölkerung ohne größere mühe zur verfügung stehen müßten, vermutlich realisiert durch eine hohe automatisierung der produktion möglichst vieler güter ohne zurückbleibende abfallprodukte, so sei es auch möglich, luxusgüter in nahezu beliebiger menge mit zu vernachlässigender arbeitskraft zur verfügung zu stellen, so daß besitzstreitigkeiten vermieden werden könnten. ferner müsse der staat ermöglichen, daß jeder bürger, wie man so schön sage, sich selbst verwirklichen könne, es müsse also ziel des staates sein, daß rein subjektive ziele von individuen und gruppen in ihm realisiert werden könnten. damit solche unterschiedlichen ziele nicht miteinander kollidierten, müsse gute bildungsarbeit geleistet werden, bevor jemand zum vollwertigen bürger des staates werde, dann aber könne er im prinzip tun und lassen, was er wolle, und niemand dürfe ihm zu irgendeinem glück zwingen, welches er nicht selbst wolle.

das höre sich ja alles ganz gut an, doch wie solle man das mit normalen menschen realisieren, die in der regel gar nicht daran dächten, sich so ideal zu benehmen, daß sie sich bei ihrer selbstverwirklichung nicht in die quere kämen, höhnt luthem, doch gnor entgegnet, daß das natürlich nicht alles auf einmal mit einem revolutionären akt zu erreichen sei, sondern langsam und mit kleinen schritten, wo offensichtliche grobe fehler vorlägen mit etwas größeren schritten, im großen und ganzen aber doch evolutionär und mit einem klaren ziel, denn die große bandbreite von verhaltensweisen und kulturkreisen zeige, daß der mensch sehr lernfähig sei, und sein verhalten stark von seiner sozialen umgebung geprägt sei, so daß es etwa schon heute weite bereiche gebe, wo körperliche gewalt unfein bis nicht mehr zu den vertretenen verhaltensweisen gehörig sei. diese lernfähigkeit des menschen müsse man sich bei der evolutionären entwicklung zunutze machen, wohingegen der altruismus oft überschätzt werde, also auf diese eigenschaft der menschen nur sehr eingeschränkt zurückgegriffen werden könne. selbst wenn das ziel nur approximiert werden könne, sei dieser weg doch der richtige und einzig mögliche. der reale staat müsse eben mit seinen bürgern fertig werden, und im fehlverhalten seiner bürger gegeneinander zeigten sich die schwächen des staates.

luthem sagt nichts, und so fliegen sie eine weile, bis gnor luthem weinen sieht. dieses wiederum bemerkend schluchzt luthem, wie er ihn dann in die fremde verschleppen könne, wo er nicht einmal gegen ein gesetz verstoßen habe, er sei einfach hinausgeworfen worden, das sei doch selbst mit gnors ansichten über einen realen staat nicht zu vereinbaren. da habe er recht, und wenn er verspreche, bis auf weiteres im raumschiff zu bleiben, werde er umkehren und sehen, was man noch tun könne. luthem blickt ihn hoffnungsvoll an und stimmt zu, das wolle er tun, das sei seine letzte hoffnung. im raumschiff müsse er schon bleiben, weil er doch das gebiet von wallret nicht mehr betreten dürfe, das raumschiff aber zum hauptsystem gehöre. gnor nickt, genau das sei der grund gewesen, weswegen er auf dem schiff bleiben müsse.

gnor dreht also um und kehrt zurück nach wallret. dort ist man erstaunt über seine rückkehr, doch unbeirrt eilt gnor zur schon zuvor gesprochenen zuständigen person und erläutert seine bedenken, basierend auf seinen ansichten darüber, was ein realer, in diesem falle demokratischer staat mindestens leisten müsse und endet damit, daß luthem schließlich nicht gegen gesetze verstoßen habe, sondern das vielmehr seine existenz gegen ein gesetz verstoße, da er aber gleichzeitig bürger des staates sei, sei er teil des staates, folglich das gesetz unsinnig, wenn es ihn nur wegen seiner zugegebenermaßen schlechten eigenschaften ausweise.

die zuständige person führt ihn ohne kommentar zu dem zuständigen minister, trägt kurz das anliegen vor, und zu dritt suchen sie den staatspräsidenten auf, und mit diesem eine sitzung der obersten richter. gnor, inzwischen wirklich ärgerlich, gerät voll in fahrt und engagiert sich zu seinem eigenen erstaunen wirklich mit vollem einsatz für den unmögliochen luthem, den eigentlich niemand haben möchte, schließlich ist man aber doch gezwungen, ihm recht zu geben und sieht ein, daß man das opfer luthem zu ertragen auf sich nehmen müsse, wolle man auch den eigenen ansichten darüber, was dieser staat zu leisten habe, gerecht werden. luthem darf also bleiben, und gnor reist mit einer entsprechenden erklärung des staatspräsidenten zurück zum hauptsystem. dort wird er energisch gelobt wegen seines entschlossenen verhaltens und mit auszeichnungen überschüttet, weil er sich um das hauptsystem verdient gemacht habe, dem luthem so erspart geblieben ist, den man aus etwa den gleichen gründen aufzunehmen bereit war, wie jetzt die wallreter bereit waren, ihn zu behalten. aus hier nicht zu erwähnenden quellen erfuhr gnor dann auch kurz darauf, daß man ihn beauftragt habe, luthem abzuholen, weil man schon darauf gehofft oder damit gerechnet habe, daß er dieses schicksal noch einmal werde abwenden können.

kurz will ich euch noch mitteilen, was weiter passierte.

auf wallret wurde alsbald das umweltschutzgesetz modifiziert. luthem wurde aus seiner partei ausgeschlossen, die trotzdem auch die nächste wahl verlor, bei der auch luthem, der inzwischen eine eigene partei gegründet hatte, keine rolle spielte. nach der wahl wurde das umweltschutzgesetz von wallret abermals verschärft, und irgendwann kam ein gremium zu dem resultat, daß die realitäten eines staates nicht mehr mit diesem gesetz zu vereinbaren seien, daß also die gesamte zivilisation für den planeten eine katastrophe sei, worauf der staat alsbald kollektivsuicid beging. dies hatte zur folge, daß sich wallret tatsächlich bald erholte und ohne intelligente bewohner schnell zu einem blühenden planeten wurde, während der erste universale zivilisationenvertrag umgehend auf selbstmörderische tendenzen hin untersucht wurde, man kam jedoch zu dem ergebnis, daß das kollektivsuicid auf wallret ein unvorhersehbares kulturspezifisches phänomen sei und keine wahrscheinliche gefahr für andere zivilisationen darstelle. ferner kam man überein, den planeten wallret im sinne seiner verstorbenen intelligenten bewohner insgesamt und vollständig zum naturschutzgebiet zu machen; das betreten des planeten wurde für jeden verboten, der nicht darauf geboren war, letzlich also für alles, was nicht zu wallrets nicht-intelligenter biosphäre gehört.

ich aber, von diesem kollektivsuicid hörend, lief zu agos, meinem alten lehrer, fiel ihm verzweifelt in die arme, warf alle ehrungen weit von mir und klagte ihm mein leid, das alles sei meine schuld gewesen.

er aber sagte zu mir: gnor, du solltest dich und deine handlungen nicht so maßlos überschätzen, du hast im rahmen deiner möglichkeiten und deiner ansichten richtig gehandelt, dich trifft keine schuld an der selbsterkenntnis der wallreter, die dann nach dieser erkenntnis handelten und nicht nach deinen vorstellungen.

fortan war ich trotzdem immer sehr vorsichtig und mischte mich, soweit das zu vermeiden war, nicht mehr in die angelegenheiten irgendwelcher staaten ein, ohne daß ich darum gebeten worden wäre oder es unbedingt nötig war.

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