Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

sprachlos
(Zweite Variation zum Text 'Augenblick')

Geschrieben: 1995-09-10

Find a way to my heart, and I will always be with you
from wherever you are, I'll be waiting
I'll keep a place in my heart, you will see it shining through
so find a way to my heart, and I will, I will follow you
...

Phil Collins (Find A Way to My Heart)

Ihre Stimmung ist wirklich ausgezeichnet. Wie abgesprochen war sie nach der letzten Vorlesung am Nachmittag mit ihrer Kommilitonin und Freundin in die Stadt gefahren, um einen Einkaufsbummel zu unternehmen, es ist ein vergnüglicher und entspannender Nachmittag geworden, sie hatten viel Spaß dabei.

Auf dem Untergrund-Bahnsteig hatten sie sich verabschiedet, nun soll es nach Hause gehen, sie sitzt an einem Fensterplatz in der Bahn. Morgen am Samstag wollen sie sich noch einmal bei ihr treffen, später zu ihrer Freundin gehen, jeweils um eine kleine Modeschau der neuen zusammen mit alten Kleidungsstücken zu probieren.

Sie ist noch ganz in Gedanken, als die Bahn in der nächsten Station hält und sie bemerkt, daß ein Mann aus einer anderen Bahn zu ihr hinüberschaut, genau in ihre Augen. Zunächst ist sie einen Moment verwirrt, doch der Mann ist ihr vom ersten Augenblick an nicht unsympathisch, sie lächelt ihn einfach an, ist dabei selbst über ihren Mut und ihr Tun überrascht, aber was ist eigentlich schon dabei...

Und er lächelt tatsächlich zurück!

Ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit sind nun endgültig geweckt, er gefällt ihr, denkt sie, schade, daß er in der anderen Bahn sitzt, sie hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie sich näher kennengelernt hätten. Sie merkt, daß sie bei diesem Gedanken rot wird, unwillkürlich will sie das mit einer Hand vor ihrem Gesicht verbergen, schaut ihn aber weiter an.

Ihre Bahn fährt schon an. Schade, denkt sie, sie wird ihn wohl nie wiedersehen. Ihrem aufmerksamen Blicken entgeht in letzten Moment aber nicht, wie er aufspringt, ihren Blick im Lauf zur Tür kurz erwidert.

Ihr Herz klopft ganz aufgeregt, hat er das gleiche gedacht wie sie? Will er ihr nach? Soll sie ihn zu treffen versuchen? Sie kennt ihn doch gar nicht! Wie könnten sie sich wiedersehen? Was könnte er jetzt gerade dazu tun, was muß sie tun?

Nein, die Situation ist doch ummöglich, ist ihr nächster Gedanke, sie sollte einfach weiterfahren. Es kann nicht gelingen, wie sollten sie sich wiedersehen. Sie haben sich doch nur ein paar Sekunden in die Augen gesehen, da kann sie doch nicht auf irgendetwas hoffen, wie sollten sie sich auch wiedertreffen.

Sie wird ganz unruhig, was könnte passieren, wie sollte er sie wiederfinden können?

Als die Bahn an der nächsten Station hält, findet sie sich ohne ihr zutun an der Tür wieder, wie von allein tragen sie ihre Füße hinaus auf den Bahnsteig. Was tut sie da? denkt sie. Sie glaubt nicht, was mit ihr geschieht, wie eine Marionette von unsichtbaren Fäden geführt steht sie plötzlich in der Untergrund-Bahnstation.

Der Gedanke schießt ihr durch den Kopf: Es ist völlig verrückt, sie hat ihm doch nur für Sekunden in die Augen geschaut, nur ein Augenblick. Sie ist trotzdem ausgestiegen. Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll, wenn er wirklich hier auftaucht, und warum sollte er eigentlich? Warum sollte er ihr nachlaufen? Warum denn glauben, sie so wiederzufinden? Das ist völlig abwegig. Ihr Entschluß steht fest: Mit der nächsten Bahn wird es weitergehen.

Sie ist nun allein auf dem Bahnsteig, noch immer schlägt ihr Herz ganz aufgeregt. Ihre Überlegungen gehen weiter: Ist doch albern, daß sie hier ausgestiegen ist, lächerlich, was sollte denn schon passieren?

Im gleichen Moment ist ihre Überraschung perfekt, als von der Treppe Geräusche von hastigen Schritten an ihr Ohr dringen. Sollte er das etwa sein? Wenn das so wäre, wüßte sie nicht, wie sich dann verhalten, eine völlig absurde Situation, in die sie da geraten ist. Sie versteckt sich hinter einer Säule.

Eine Affäre, eine Beziehung kann sie nun wirklich nicht gebrauchen, sie hat ihr Studium, welches sie voll beschäftigt. Was will sie hier eigentlich, denkt sie noch, schaut vorsichtig um die Säule herum.

Tatsächlich!

Es ist der Mann! Sie kann es nicht fassen. Völlig außer Atem hat er sich inzwischen auf eine Bank gesetzt, hat sich vorher bestimmt auch umgeschaut! Wie konnte er wissen, daß sie hier sein würde? Es war doch nur dieser Augenblick zwischen ihnen, wieso ist er hier?

Noch weniger als vorher weiß sie, was sie tun soll. Er muß zu Fuß hierher gelaufen sein! Es kann doch nicht wegen ihr sein. Sicher nur ein Zufall, denkt sie, es wäre die restlose Blamage, wenn sie jetzt hinter der Säule hervorkäme. Hoffentlich sieht er sie nicht, das wäre wirklich peinlich.

Und doch: schließlich ist er zu dieser Station gelaufen, genauso wie sie ausgestiegen ist. Aber wenn es nun doch nicht wegen ihr ist. Was soll er dann von ihr denken, wenn sie sich ihm zeigt, ihr Gefühlschaos damit vor diesem Fremden schutzlos offenlegt, welches sie selbst nicht versteht und in den Griff bekommt. Aber was kann denn im schlimmsten Fall passieren? Aber was soll er von ihr denken? Was kann sie tun?

Die nächste Bahn unterbricht ihre Überlegungen. Sie weiß, jetzt muß etwas passieren, denn offenbar will er mit dieser Bahn weiterfahren. Sie muß nun etwas tun, aktiv werden, handeln, sonst wird sie ihn nie wiedersehen. Eine zweite Chance wird es nicht geben. Doch will sie überhaupt die erste nutzen?

Sie weiß nichts mehr, bemerkt nur noch, daß sie irgendwie plötzlich mitten auf dem Bahnsteig steht. Sie ist völlig verwirrt, überrascht hier zu stehen, es war nicht eigentlich sie, die den Schritt hervor hinter der Säule gewagt hat.

Er sieht sie; sie sieht, daß er sie sieht.

Alles in ihr läuft durcheinander. Jedes Körperteil scheint etwas anderes vorzuhaben, ein Bein geht rückwärts, eines ist wie festgewachsen, eine Hand wehrt sich mit einer Geste gegen die Situation, die andere aber bewegt sich ihm entgegen, ihren Kopf hat sie nicht mehr unter Kontrolle, auch das zweite Bein macht nun einen Schritt rückwärts. Ihr Herz schlägt bis zum Hals. Sie schaut ihm in die Augen und wieder weg, er kommt auf sie zu.

Sie begreift nichts mehr von dem, was in ihr vorgeht, nichts mehr, nichts. Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll. Sie kennt ihn doch gar nicht. Sie wird kein sinnvolles Wort herausbringen können, stellt sie mit Entsetzen fest, sie muß einen hochroten Kopf haben, wird sich vor ihm völlig lächerlich machen. Sie kann nicht, sie weiß nicht, das geht alles nicht, weiß nicht wie weiter, was sagen, was tun, wie reagieren. Was wird er tun, wenn er sie erreicht? Sie wird keinen Ton von sich bringen können, kein Wort. Sie kann doch nicht wie ein stummer Fisch vor ihm stehen, ihn nur anstarren.

Wieder treffen scheinbar ihre Beine die Entscheidung, sie laufen los, laufen einfach los, auf die Treppe zu, ihre Augen schauen aber nach den seinen, warten oder weiterlaufen?

Das entscheidet sie nicht, ihre Beine laufen weiter, und sie ist auch gar nicht fähig, sie daran zu hindern.

Der Abstand zwischen ihnen ist etwas größer geworden, aber er folgt ihr noch immer, folgt ihr! Wird er sie einholen? Er wird sie doch einholen? hofft sie eigentlich, ohne aber warten zu können, ohne zu wissen, wie es dann weitergehen soll.

Sie will warten, einen Moment zögert sie, stolpert dann aber weiter, hinauf zur Straßenebene, dort den Bürgersteig entlang, aus seinem Blickfeld. Immer noch verwirrt, kann sie nun aber auch nicht weiter. Wie eine Idiotin steht sie einfach da, völlig unkoordiniert sind ihre Aktivitäten, ihre Augen schauen nach ihm aus, sehen ihn, strahlen ihn an. Ihre Blicke treffen sich, in ihr geht alles völlig durcheinander.

Nur die Beine bleiben bei ihrer Entscheidung,
sie laufen wieder los
auf die Straße
Bremsen eines Lastkraftwagens quietschen,
wie hat sie den übersehen können, sie muß weg, weg, seine Augen, sein Blick in ihrem Kopf, weg, zurück zu ihm, weg, laufen, quietschende Bremsen, seine Augen, sie bringt keinen Ton hervor, wortlos, sprachlos

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