Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Mißverständnis
(Erste Variation zum Text 'Augenblick')

Geschrieben: 1995-09-09

...Du hast mich verzaubert
will in deine Seele sehn
Die eine will kommen
die and're Seele will schnell gehn
Frag mich, wer ihr Schweigen bricht -
kannst du ihre Sprache nicht
verstehn?
verstehn? ...

Peter Gabriel (Mundzumundbeatmung)

Heute hätte sie die ganze Welt umarmen können. Nach der Mitteilung am Morgen, daß sie das Abitur (mit gutem Notenschnitt) geschafft hat, hat sie bis in den frühen Abend hinein mit ihren Freunden und Freundinnen gefeiert, nun ist sie auf dem Weg nach Hause. Mit Freude und Spannung denkt sie daran, daß sie im Herbst mit dem Studium beginnen wird, sich endlich mit Dingen beschäftigen wird, die sie wirklich interessieren. Sie ist inzwischen in die U-Bahn gestiegen und hat sich an einen Fensterplatz gesetzt.

An der nächsten Haltestelle schaut sie durch das Fenster auf eine Bahn, die gerade aus entgegengesetzter Richtung in die Station eingefahren ist. Ein Mann in der anderen starrt sie an, denkt sie, dann jedoch, daß er einfach nur abwesend aus dem Fenster blickt, nur zufällig in ihre Richtung.

Noch immer in Hochstimmung lacht sie ihn einfach so an, heute kann sie gar nicht anders, als alle Menschen glücklich anlachen, um sie an ihrer guten Stimmung teilhaben zu lassen.

Noch im gleichen Augenblick bewegen sich seine Augen. Jetzt schaut er sie wirklich an, sein introvertierter Gesichtsausdruck hellt sich auf. Es wirkt beinahe, als lache er einfach zurück, nein, denkt sie, er lacht sie wirklich an. Zunächst meinte sie, ein zu einem Grinsen verzerrtes Gesicht erkannt zu haben, interpretiert es jedoch jetzt als echtes Anlächeln.

Sie vermutet, daß er ihr fröhliches Lächeln mißverstanden hat. Das ist ihr nun etwas peinlich, so war das gar nicht gemeint. Sie spürt, daß sie unwillkürlich errötet. Sie versucht das zu verbergen, indem sie die Hand vors Gesicht hält. Was soll der Typ nur von ihr denken? Verlegen lächelt sie noch immer.

Endlich fährt die Bahn an, die peinliche Situation ist zuende, sie ist erleichtert. Reflexartig schaut sie noch einmal zu ihm hin, sieht wie er von seinem Sitz aufspringt. Offenbar war er so abgelenkt, daß er das Aussteigen beinahe vergessen hätte. Sie ist amüsiert, wie kann man nur so unaufmerksam sein.

Die Bahn hält mitten im Schacht, der Fahrer bittet über die Sprechanlage um etwas Geduld für die Verzögerung. Das kann aber ihre gute Laune nicht trüben. Schließlich geht es weiter, die nächste Station muß sie in eine andere Bahn umsteigen. Sie steigt aus. Das wäre auch schon bei den letzten vorherigen Stationen möglich gewesen, doch aus Gewohnheit steigt sie immer in dieser Station um.

Als sie auf dem Bahnsteig steht und sich dieser schon lehrt, traut sie ihren Augen nicht:

Da steht plötzlich der Typ aus der anderen Bahn und schaut sie an. Sie fragt sich, wie der hier her kommt. Sie bekommt einen Schreck. Ob der sie verfolgt? Tatsächlich, statt wie er das wohl ursprünglich vorhatte, in die jetzt abfahrende Bahn zu steigen und ihr dort zu folgen, hat er sie offenbar auf dem Bahnsteig stehen sehen und kommt auf sie zu.

Was will der Typ von ihr? Etwas zögernd geht sie einen Schritt rückwärts. Schwer atmend kommt er näher, sie fühlt seinen gierigen Blick auf ihrem Körper. Sie ist beunruhigt, es kann doch nicht sein, daß er hinter ihr her ist, nur wegen eines harmlosen Lachens von ihr. Sie spürt, wie ihr das Blut heiß in die Wangen steigt. Sie greift etwas hilflos wie nach Hilfe oder Halt um sich, weil er immer näher kommt. Sie fühlt sich ihm ausgeliefert, denn der Bahnsteig ist inzwischen leer, nur noch sie und dieser unheimliche Typ. Ihr Puls geht immer schneller. Sie schüttelt den Kopf, wie um sein Näherkommen in Zweifel zu ziehen, vielleicht ist doch alles ganz harmlos, versucht sie sich einzureden, ein dummer Zufall, es kann gar nicht anders sein, versucht sie sich einzureden, was soll er schon von ihr wollen, es ist ja noch nicht einmal dunkel draußen. Doch inzwischen kriecht die Angst in ihr hoch, liegt zunächst schwer wie ein Felsbrocken im Magen, schnürt ihr zusätzlich auch noch langsam die Kehle zu.

Sie versucht immer noch, durch ein freundliches Lächeln die Situation zu entschärfen, doch das beklemmende Gefühl schierer Angst verhindert jeden klaren Gedanken, der sie wieder beruhigen könnte. Immer wieder muß sie zu ihm hinschauen, kann nicht glauben, daß er ihr wirklich folgt.

Was soll sie jetzt tun? Sie zwingt sich zu irgendeiner Aktivität. Sie muß weg hier. Vielleicht ist ja doch alles ganz harmlos, aber erst einmal weg von diesem Typen. Jetzt zum Ausgang, sie läuft, schaut sich noch einmal um. Er scheint sich seiner Sache so sicher zu sein, daß er sich nicht einmal besonders beeilt, nicht einmal zu verbergen versucht, daß er ihr folgt. Sein Blick scheint sie zu durchbohren.

Ihr Herz rast vor Angst, nur weg hier, denkt sie, die Treppen hoch. Ihr Vorsprung vergrößert sich etwas, sie zögert etwas, kann immer noch nicht glauben, was da abläuft. Er starrt sie an, ganz eindeutig, er will etwas von ihr, sie muß weg, hoch zur Straßenebene. Panikartig hastet sie weiter.

Glücklicherweise ist die Straße nicht leer, es sind um diese Zeit viele Autos unterwegs, da wird er sich schon abwenden, sie nicht weiter verfolgen. Sie hastet ein Stück weiter, schaut sich wieder hektisch um. Ihre Gedanken sind ganz auf ihren Verfolger fixiert. Sein unheimlicher Blick bohrt sich auch schon wieder in ihre Augen. Ihr ist schlecht vor Angst, ihr Herz rast! Dieser Triebtäter läßt nicht von ihr ab! Eiskalt verfolgt er sie in aller Öffentlichkeit! Und auf den ersten Blick sah er so harmlos aus! Niemand von den Autofahrern wird ihr helfen, die sitzen alle in ihren Blechkisten und wollen nichts sehen. Sie sollte um Hilfe schreien, doch die Angst schnürt ihr die Kehle zu, sie bringt nur ein leises Röcheln hervor.
Nur weg! nur weg! denkt sie noch
und läuft los,
auf die Straße.
Sie hört ein fürchterlich schrilles Quietschen,
erst jetzt sieht sie den Lastkraftwagen, der genau auf sie zufährt.
Einen Moment bleibt ihr Herz stehen. In diesen Sekundenbruchteilen ziehen die Ereignisse des Tages an ihr vorbei. Sie kann es schaffen, denkt sie, wenn der Lastkraftwagen rechtzeitig hält, wenn sie schnell genug aus seiner Fahrspur herauskommt! der Triebtäter? Ihr Tag hatte so gut begonnen ...

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