Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

kommdoch
(Dritte Variation zum Text 'Augenblick')

Geschrieben: 1995-09-30

...Lost in a subway, I guess I'm losing time,
There's a man looking at a magazine.
You're such a fool, your mumbo-jumbo
Never tells me anything - yea - ugh.
...Looking for someone,
And now I've found myself a name.
Come away, leave me,
All I have I will give.
Leave me, leave me,
All that I am I will give.

Genesis (Looking For Someone)

Langeweile, es ist einfach Langeweile, die sie in die Innenstadt getrieben hat, durch die Kaufhäuser und jetzt in die Straßenbahn. Ihre Clique wird sie erst morgen Abend, am Samstag sehen, bis dahin muß sie sich die Zeit irgendwie vertreiben. Aber alleine durch die Stadt zu ziehen, ist nicht sonderlich interessant, heute Abend könnte sie ins Kino gehen, doch jetzt will sie erst einmal nach Hause fahren, um sich umzuziehen.

Bei der nächsten Station schaut sie aus dem Fenster, eine andere Bahn hält auf dem benachbarten Gleis. Ein Mann darin starrt sie plötzlich an. Es ist schon frech, meint sie, sie so unverfroren anzustarren. Aber das gefällt ihr auch, ein kurzer Flirt wäre die ideale Unterbrechung ihrer Langeweile. Vergnügt denkt sie, sie könne ihn ein bißchen quälen, wenn sie so tut als hätte sie Interesse. Sie lächelt ihn einfach an.

Was spannend ist: er reagiert tatsächlich, lächelt zurück. Einerseits amüsiert es sie, wie schnell er auf sie reagiert, andererseits ist sie nun doch aufgeregt, weil endlich einmal an diesem Tag etwas passiert. Sie will natürlich ganz cool bleiben, deshalb ärgert es sie, daß sie unwillkürlich errötet, als er sie anlächelt, der Flirt beginnt, dabei will sie doch nur mit ihm spielen, ihn etwas leiden lassen. Blitzschnell versucht sie, mit ihrer Hand ihr Gesicht zu verbergen.

Als ihre Bahn anfährt, scheint das nur Sekunden dauernde Spiel schon vorbei zu sein. Doch sie kann es nicht fassen: er springt auf, das sieht sie gerade noch, und verläßt wohl seine Bahn gerade noch rechtzeitig. Daß sie einen so starken Eindruck auf ihn gemacht hat, findet sie schon interessant. Was wird er jetzt vorhaben? Geht das Spiel etwa noch weiter? Wird er versuchen, ihr mit der nächsten Bahn zu folgen? oder wie will er sie einholen, sie erobern? denkt sie belustigt über die Situation. Sie ist gespannt.

Sie sollte etwas nachhelfen, wenn er wirklich versucht, sie wiederzufinden. Was könnte sie besseres tun, als die nächste Station auszusteigen und abzuwarten, was weiter passiert.

So steigt sie also aus, wartet auf die nächste Bahn. Bevor diese kommt, hört sie aber jemanden laut keuchend die Treppe zum Bahnsteig hinunterhasten. Ist er das etwa? Sie kann es nicht fassen, verbirgt sich hinter einer Säule, bevor er sie sieht, denn forschend schaut er sich um. Aber so leicht soll er es nicht haben. Sie beobachtet ihn.

Völlig atemlos setzt er sich schließlich. Ihre Überlegung ist, wie es in diesem Spiel weitergehen könnte, wie es auf gleichbleibend hohem Spannungsniveau gehalten werden kann; lächelnd fällt ihr etwas ein.

Erst muß er aber noch etwas leiden, zunächst muß er die Hoffnung, sie wiederzusehen, nahezu aufgegeben haben, bevor es weitergeht.

Schon kommt die nächste Bahn und das Spiel kann weitergehen. Schon will er ziemlich entmutigt in die Bahn steigen, da tritt sie hinter der Säule hervor, daß er sie sehen muß, wenn er aufschaut. Tatsächlich, kurz bevor er einsteigt, schaut er sich noch einmal um, sieht sie.

Sie blickt ihn an, tut so, als sei sie überrascht, ihn zu sehen. Jetzt kann das Spiel richtig beginnen. Mit ihrem süßesten Lächeln lockt sie ihn, geht dabei einen Schritt zurück, er folgt langsam. Sie spielt die Unentschlossene, gestikuliert mit ihren Händen, um ihn nur noch mehr zu reizen, geht weiter rückwärts, schaut ihn an und wieder zu Boden, inszeniert die von ihren Gefühlen Verwirrte, um ihn weiter anzulocken, läßt ihn etwas herankommen. Sie ist amüsiert, daß das aufregende Spiel so gut funktioniert.

Obwohl er sich sichtlich noch nicht vom vorherigen Lauf ganz erholt hat, muß er sich schon noch ein bißchen anstrengen, denkt sie, dreht sich um und läuft die Treppe vom Bahnsteig nach oben hoch. Auf dem ersten Treppenabsatz muß sie ein bißchen warten, weil er nicht so schnell nachkommt. Sie vergewissert sich, daß er ihr wirklich folgt, dann geht es weiter, die Treppe hinauf zur Straßenebene. Er soll ein wenig leiden, denkt sie, ist außerhalb seines Gesichtsfeldes. Sie läuft den Bürgersteig ein Stück weiter, schaut sich um, ob er ihr auch wirklich noch folgt. Tatsächlich hastet er die Stufen hinauf. Jetzt treffen sich ihre Blicke. Es gefällt ihr, daß er so hinter ihr her ist, sich ihr damit auch irgendwie ausliefert. Das ist aufregend, und interessant genug ist er auch für einen Flirt.

Jetzt ist es Zeit für echten Nervenkitzel, bevor er ihr zu nahe kommt:

Sie läuft auf die Straße, den Lastkraftwagen hat sie genau abgepaßt, der nun mit quietschenden Bremsen auf sie zukommt. Nun scheint ihr Herz aus ihrem Brustkorb zu springen, so groß ist ihre Aufregung, sie hat sich doch etwas verschätzt, es ist knapper als sie dachte, sie ist beinahe vorbei, da streift die Stoßstange doch noch ihr Bein, Schmerz durchzuckt ihren Körper, doch es ist nicht so schlimm, ein blauer Fleck, sie humpelt weiter zur anderen Seite der Straße. Das geht gut, sie schaut sich erst dort wieder um. Der Lastwagenfahrer hat sich bereits einigermaßen von seinem Schreck erholt, gestikuliert wild. Sie sieht sodann, wie er mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen äußerster Spannung und Verzweiflung auf dem Bürgersteig hinter dem Lastwagen auftaucht. Das sieht so fürchterlich aus, daß sie sich plötzlich vor ihm schämt, sie war zu weit gegangen in diesem Spiel. Doch als er sie sieht, schlägt sein Gesichtsausdruck augenblicklich in Erleichterung um. Der Lastwagenfahrer flucht aus der inzwischen geöffneten Tür.

Obwohl sie die Sache mit dem Lastwagen jetzt für so stark übertrieben hält, daß das Spiel eigentlich nicht weitergehen sollte, muß sie nun weiterlaufen, wenn sie keinen Ärger riskieren will. Er tut ihr jetzt leid, doch sie muß weiterlaufen, besser humpeln, denn das Bein tut immer noch weh, das ist die Strafe, denkt sie. Also weiter, eine lange Querstraße entlang. An der nächsten Ecke schaut sie sich wieder um, jetzt rast ihr Herz vor Aufregung. Was sie sieht, ist was sie nicht zu hoffen wagte, er, nur er läuft ihr noch immer nach.

Vergnügt lacht sie laut auf und ihm zu, doch der fürchterliche Schrecken, den sie ihm eingejagt hat, als sie vor den Lastwagen lief, tut ihr leid, auch dieser Fehler treibt sie weiter, ebenso aber auch die Lust an dieser Situation. Das Spiel hat sich verändert, sie bestimmt nicht mehr die Regeln, das tun längst ihre Gefühle. Ihre Überlegenheit ist dahin, seine Qual ist auch die ihre und doch ist es eine gar zu süße Qual, als daß sie schon aufhören wollte, davon zu kosten, ein bißchen muß es noch weitergehen.

Sie läuft um eine Hausecke herum, über die diesmal leere Straße in eine Art Parkanlage. Das hat er wohl noch gesehen, doch dort versteckt sie sich in einem Gebüsch. Sie ist so aufgeregt, daß der Schmerz in ihrem Bein fast vergessen ist, zumal er schon deutlich nachgelassen hat.

Am Eingang des Parks schaut er sich suchend um, der arme Kerl, denkt sie. Noch atemloser als sie ist er, schüttelt traurig den Kopf, wohl weil er sie nicht sieht, geht zögernd den Weg in den Park hinein, sucht nach ihr. Das aufregende Spiel ist für sie längst mehr geworden, sie mag seine Hartnäckigkeit, wie er auf sie reagiert hat, das prickelnde Abenteuer ihrer Begegnung. Wie er jetzt leiden muß, wo er schon wieder Grund hat zu fürchten, sie nie wiederzusehen, sie verloren zu haben. Er dreht ein ganzes Stück weiter resigniert und taurig um, kehrt zurück, bleibt am Parkeingang stehen.

Sein Leiden wird für sie langsam unerträglich. Schwer atmend spricht er nun leise mit sich selbst, er sei ein Idiot, macht sich Vorwürfe, sie vor den Lastkraftwagen getrieben zu haben. Ihn so verzweifelt zu sehen, erträgt sie nicht länger. Er ist wohl so damit beschäftigt, sich Selbstvorwürfe zu machen, daß er gar nicht bemerkt, wie sie sich von hinten anschleicht. Obwohl sie unsicher ist, ob sie das Richtige tut, ist sie entschlossen zu handeln.

Sie greift nach seiner Hand, er zuckt sichtlich vor Schreck zusammen, ist zu keiner Bewegung fähig. Ohne seine Hand loszulassen geht sie halb um ihn herum, steht nun vor ihm. Völlig überrascht starrt er sie an. Sie strahlt ihn ganz offen und ohne Hintergedanken an, hält seine Hand fester, zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn erst ganz unsicher, einen Augenblick später jedoch entschlossen und wortlos.

So köstlich ist dieses Ende des Spiels, daß ihr ganz schwindelig wird. Sie preßt ihre Lippen auf die des noch immer völlig Überraschten. Ganz sanft fährt sie dann mit der Zungenspitze erst über die Ränder seiner Lippen, drängt sie dann entschlossen in seinen Mund hinein. Langsam löst sich seine Erstarrung, umarmt sie auch, erst ungeschickt, dann als wolle er sie nie wieder loslassen. Ihr Atem mischt sich in ihren Mündern, ihre Zungen treffen sich, zucken zurück und finden sich wieder.

Sie denkt nicht mehr, sie spielt nicht mehr, jetzt will sie nichts mehr, außer seinem atemlosen Kuß, sie will ihn ganz und gar, alles andere ist ihr egal...

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