Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Augenblick

Geschrieben: 1995-07-29/30

... I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year ...

Genesis (Follow You Follow Me)

Er ist so in Gedanken, daß er schon Straßenbahnen hat fahren lassen, in die er hätte einsteigen können. Diese aber fuhren an ihm vorbei, ohne ihn aus seiner eigenen Welt herausreißen zu können. Nicht daß seine Gedanken von Bedeutung gewesen wären - nicht einmal für ihn - aber in ihnen fühlt er sich sicher, mit ihnen ist er vertraut, so daß er sich gerne dorthin zurückzieht. Daß er dann doch schließlich eine Bahn nimmt, liegt weniger an einer Entscheidung von ihm, die mit dieser Außenwelt verknüpft gewesen wäre, als vielmehr an der Tatsache, daß ihn offenbar ein Entschlossener von hinten aus Versehen in die Richtung der Bahn gestoßen hat.

Drinnen setzt er sich, lediglich einem aus jahrelanger Gewohnheit folgendem Reflex nachgebend an einen Fensterplatz und schaut aus der fahrenden Bahn auf die Betonröhre des U-Bahn-Schachtes, ohne dort eigentlich etwas zu sehen.

Ein oder zwei Stationen geht das so. Auch an der Haltestelle starrt er weiter ins innere Nichts, seine Augen jedoch weiter nach draußen gerichtet, wohl nur zufällig mitten in die Augen einer attraktiven jungen Frau, die in einer Bahn sitzt, die in die entgegengesetzte Richtung abfahren wird. Diese Frau erwidert seinen Blick, lächelt ihn spontan dabei an.

Wie ein Stromschlag durchfährt es ihn. Aus der Leere seines Inneren zerrt ihn ihr Blick, ihr Lächeln hervor bis mitten hinein in die Straßenbahn, bis er mit seinen Augen wirklich durch das Fenster in ihr Gesicht blickt. Er hätte niemals gedacht, daß er fähig wäre, einfach zurückzulächeln, hätte immer nur ein verzerrtes Grinsen für möglich gehalten. Doch als sei es von einem anderen Teil seines Ichs, fliegt ihr ebenfalls ein herzliches Lächeln entgegen.

Sie errötet leicht, und schnell hält sie eine Hand halb vor ihr Gesicht, doch zwischen den Fingern hindurch schaut sie noch immer und auch ihr sympathisches Lächeln ist noch da.

Das alles geschieht innerhalb von Sekunden.

Die Türen ihrer Bahn schließen sich, der Zug fährt an. Er springt auf, schneller als er es selbst für möglich gehalten hätte, noch ein kurzer Blickkontakt durch die Fenster, er stürzt zur Tür, die ebenfalls schon schließt, er zerrt sie im letzten Moment trotz nachhaltigem Warnton auseinander, stürmt hinaus.

Obwohl er weiß, es ist sinnlos, hastet er ihrer Bahn oberirdisch hinterher.

Atemlos gelangt er zur nächsten Station, mehrere Stufen gleichzeitig nehmend stürmt er die Treppen hinunter, doch der Bahnsteig ist leer.

Vor seinen Augen noch ihr reizendes Gesicht, sinkt er erschöpft auf eine Bank.

Unmöglich, denkt er, es ist unmöglich. Es kann nur Einbildung gewesen sein, Phantasie. Es ist lächerlich, niemals real. Es ist so unmöglich wie ein Sonnenaufgang mitten in der Nacht. Trotzdem hat sich ihr Lächeln tief in sein Hirn gegraben und läßt ihn nicht recht zur Ruhe kommen. Nicht nur die ungewohnte körperliche Anstrengung des Laufens läßt seinen Puls rasen. Es ist nicht real gewesen, versucht er sich zu beruhigen.

Als die nächste Bahn kommt, will er trotzdem schon einsteigen, ihr folgen, wissend, wie sinnlos das jetzt noch ist.

Schon in der Tür der Bahn stehend, blickt er sich noch einmal um. Da sieht er sie plötzlich auf dem Bahnsteig. Er weiß nicht, ob sie bisher nur hinter einem Pfeiler gestanden und ihn beobachtet hat, sich nicht getraut hat hervorzutreten, oder ob sie gerade in diesem Moment aus der Bahn gestiegen ist, die allerdings einen längeren Halt mitten im Schacht hätte haben müssen, damit er schneller als sie den Bahnsteig erreichen konnte.

Jetzt sieht sie ihn auch, ist offenbar überrascht.

Er geht auf sie zu, kann es eigentlich gar nicht fassen, sie wiederzusehen. Sie geht einen Schritt rückwärts, mit hochrotem Kopf. Ihre Hände greifen rat- und ziellos langsam um sich, sie schüttelt den Kopf, sie macht mit der einen Hand eine abwehrende, mit der anderen eine auffordernde Geste, geht langsam rückwärts, doch ihre Augen strahlen ihn an, sie schlägt sie abwechselnd nieder und richtet sie wieder auf ihn.

Da er schneller als sie geht, wird der Abstand zwischen ihnen kleiner, sie lächelt ihn etwas hilflos wirkend immer noch an, sie überlegt, noch einen Schritt rückwärts gehend, ihn anblickend, wegschauend. Sie dreht sich dann jedoch entschlossen um, läuft ein paar Schritte auf den Ausgang zu, dreht sich noch einmal um, schaut nach ihm, er folgt ihr unwillkürlich, sie läuft weiter, die Treppe hinauf. Seine Schritte sind etwas langsamer als die ihren, um sie nicht zu bedrängen. Oben an der Treppen angekommen, schaut sie sich abermals um, wartet sogar einen Moment, in welchem er zwei oder drei Stufen zurücklegt, dann läuft sie weiter.

Er verliert sie kurz aus den Augen, sie ist schon auf der nächsten Treppe zur Straßenebene hinauf, er folgt ihr nun hastig, wie einem Wild auf der Jagd, welches er unbedingt fangen muß, um leben zu können.

Auf der Straßenebene angekommen, sieht er sie noch auf dem Bürgersteig ein Stück weiter stehen, wieder wartet sie ab, ob er ihr folgt, schaut sich nach ihm um, ihre Blicke treffen sich kurz.

Winzige Bruchteile einer Sekunde versinkt sein Blick in ihren strahlenden Augen.
Er genießt diesen wunderbaren Anblick.
Sie schaut sofort zu Boden.
Dann läuft sie los.
Sie läuft auf die Straße,
läuft ohne auf den Verkehr zu achten.
Ein Lastkraftwagen bremst mit alles übertönendem Quietschen.
Er kann nicht sehen, ob dieser sie erfaßt hat, oder ob es ihr gelungen ist, die Straße zu überqueren.

Mit rasendem Herzen und zusammengepreßten Händen hastet er den Bürgersteig entlang, um zu sehen, ob sie vor der Motorhaube des Lastkraftwagens liegt oder nicht, noch wenige Meter, dann wird er es sehen. Blitzartig schießen ihm die letzten Minuten durch den Kopf. Der erste Blick in ihre Augen, das Lächeln, wie er aus seiner Bahn stürmt, ihr nacheilt. Auf dem Bahnsteig seine Niedergeschlagenheit, als er sie dort nicht sieht, seine Zweifel am Erlebten. Dann das unbeschreibliche Gefühl sie wiederzusehen. Der Beginn der Jagd.

Wird dies das Ende der Jagd sein, wird sie weitergehen? ist das Wild von einer Maschine erlegt oder nur verletzt, wartet es wohlbehalten auf der anderen Straßenseite auf eine Fortsetzung der Jagd? oder ist es verschwunden?

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D