Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Annäherung

Geschrieben: 1995-10-08/14

(Vierte Variation zum Text 'Augenblick',
Varianten a), b), c) und d) )

does everyone stare this way at you
I only look this way at you
...
does everyone stare the way I do
I only stare this way at you
...

Police (does everyone stare)

Nach einem langen Arbeitstag sitzt sie in der Untergrundbahn an einem Fensterplatz und ist müde, trotzdem hat sie eigentlich keine Lust auf ihre leere Wohnung, denn ihre Mitbewohnerin und Freundin Laura wird nicht daheim sein, denn es ist Freitag Abend. Sie könnte noch ins Kino gehen, denkt sie, aber das ist nur eine andere Form des Alleinseins. In eine Diskothek wie Laura zu gehen, hat sie ebenfalls keine Lust. Das hat sie ja alles schon mitgemacht, all die merkwürdigen Typen, die sie in dieser Anhäufung aus der Nähe nicht ertragen kann. Nicht nur die in der Diskothek. Schlimmer als einer von denen ist ihr Chef, den nur die Gefahr, wegen sexueller Belästigung gefeuert zu werden, davon abhält, seine Mitarbeiterinnen massiv anzugrabschen. Dennoch kann er es nicht lassen, seine gierigen Blicke widern sie an, und dann berührt er sie doch, wie aus Versehen, oder die scheinbar vertrauensvolle, freundschaftliche oder väterliche Hand auf ihrer Schulter, nichts Eindeutiges, nichts Verwendbares unter Zeugen, denn so berechnend ist er dabei schon. Jedes Mal fröstelt es sie am ganzen Körper, und heute war es wieder einmal soweit. Das zu überstehen ist das Härteste am Tag, und mit der Zeit macht es sie auch müde und teilnahmslos. Sie mag es nicht, angefaßt zu werden, von niemandem. Deswegen will sie nicht in die Diskothek, deswegen ist sie allein.

Sie hat nichts gegen Männer, ist auch nicht lesbisch, aber sie mag es nicht, von irgendwelchen Typen angefaßt zu werden. Wenn sie es nicht tun, ist alles in Ordnung. Sie stellt sich vor, sie will selbst entscheiden, wann und wie, wann es der Richtige ist, an den sie sich gewöhnt hat, dazu braucht sie Zeit.

Woran das liegt? Sie findet es widerlich, von irgendeinem angefaßt zu werden. Da war die Sache mit ihrem Stiefvater. Wie er mit Mutter umgegangen ist, sie angefaßt hat, dieser ungepflegte Typ. Sie hat Mutter nie verstanden, warum sie diesen Kerl genommen hat. Vielleicht war sie zu alleine, nachdem ihr Vater verunglückt war. Sie empfand es immer als ekelig, wie er Mutter angefaßt hat, zu sich hingezogen hat, sie beim Küssen besabbert hat und vor sich her ins Schlafzimmer geschoben hat mit seinem lüsternen Grinsen im unrasierten Gesicht, dabei die gelben Zähne zeigend. Förmlich zu spüren meinte sie den Geruch seines Atems auf dem Nacken ihrer Mutter nach etwas Bier und Zigarettenasche.

Immerhin: bei ihr hat er nicht direkt etwas versucht, aber wie er sie angeschaut hat, wenn sie alleine in der Wohnung waren, wie er immer ins Badezimmer kam, obwohl er wußte, daß sie badete, seine Blicke ließen sie noch nackter erscheinen, als sie ohnehin schon war. Den Rücken hat er ihr immer waschen wollen, und abtrocknen mußte sie sich auch von ihm lassen, als sei sie ein kleines Kind.

Ihr schaudert bei der Erinnerung, sie schüttelt sich unwillkürlich. Nur nicht daran zurückdenken, zum Glück ist sie ausgezogen und mit Laura zusammen in dieses Hochhaus, bevor doch noch etwas passiert ist. Aber Männer erträgt sie nur aus sicherer Entfernung. Einige findet sie sogar ganz nett. Mit Kollegen, die garantiert nichts von ihr wollen, kommt sie prima aus. Die Männer, die sie sympathisch finden würde, sind immer unter denen, die nicht wagen, sie anzusprechen, aber vielleicht findet sie sie gerade deswegen nett, weil sie so auf Distanz bleiben und nicht gleich versuchen, sie anzufassen, als sei sie alleine durch ihre Existenz als weibliches Wesen nur dazu da, um von einem schmierigen Typ begrabbelt und besprungen zu werden.

Entschlossen kommt sie zu dem Ergebnis, sie sollte an etwas anderes denken und schaut in den Untergrund-Bahn-Schacht hinaus. Jetzt fährt die Bahn in eine Haltestelle ein. Noch immer schaut sie hinaus, die Bahn hält. Eine andere bleibt soeben auf dem Nachbargleis stehen.

Mit einem Male starrt sie ein Mann aus dieser anderen Bahn an.

Eigentlich sieht er ganz in Ordnung aus, kein schmieriger Typ, ganz nett eigentlich, doch er sollte sie nicht so anstarren. Immerhin, es sind zwei Fenster dazwischen. Sie hat ja nichts gegen ihn, er ist sicher ganz nett und zudem weit genug entfernt. Sich sicher fühlend versucht sie ein Lächeln. Das klappt sogar.

Der Mann, der eigentlich ganz nett und harmlos aussieht, erwidert ihr Lächeln. Nun ja, denkt sie, sexuelle Hintergedanken sind bei Männern ganz normal, sie hat eigentlich angefangen, und es ist alles ganz harmlos mit zwei Fenstern dazwischen. Trotzdem ist es ihr peinlich, daß sie bei ihm dieses Zurücklächeln ausgelöst hat, sie errötet, hält die Hand vor das Gesicht, weil er das nicht sehen soll. Doch sie schaut immer noch, wie er reagiert. Wenn doch nur die Bahn weiterführe und die Situation beendet wäre, denkt sie.

Tatsächlich, endlich fährt ihre Bahn an. Doch was macht er? Er springt auf, schaut ihr kurz nach und will seine Bahn verlassen!

Sie ist etwas beunruhigt. Tut er das etwa, weil sie ihn angelacht hat? Das hat sie nicht gewollt. Also gut, sie ist allein, und er sieht nicht nach einem schmierigen Typ aus. Aber es waren zwei Fenster zwischen ihnen. Es war doch alles ganz harmlos, er kann doch da nichts hineininterpretieren.

Sie schaut weiter auf die Beton-Wand des Untergrundbahn-Schachtes, der so ereignislos an ihr vorbeigleitet wie ihr ganzes Leben, ein gleichmäßiger Strom. Doch der wird nun abermals durch einen Stop der Bahn unterbrochen. Wohl ein Stau, mitten im Tunnel.

Als der Fahrer um etwas Geduld bittet, kennt sie schon jedes Detail, sogar die kleinen Telephon-Aufdrucke auf den Leitungen an der Wand hat sie schon für eine Betonblocklänge von vielleicht zwei Metern durchgezählt. Sie vermeidet den Blick in die Untergrundbahn, denn die Spiegelung des Fensters reicht ihr, um zu erkennen, daß einige Männer hin und wieder zu ihr herüberschauen und dann wieder woandershin. Daraufhin fühlt sie sich etwas unwohl. Den Kerl, der hinter ihrem Rücken an eine Wand angelehnt steht, spürt sie förmlich. Im Gegensatz zu dem Mann eben in der anderen Bahn ist dies unangenehm, insbesondere wenn die Bahn im Tunnel gehalten hat und allmählich ein solidarisches Gemurmel beginnt. Die Gefahr steigt, daß sie jemand anspricht, irgendeine bedeutungslos irrelevante Bemerkung macht, um sie in ein Gespräch zu verstricken. Das erträgt sie nicht. Es sind viel zu viele Männer hier, und die sind viel zu nah und zu fremd und sehen nicht hinreichend harmlos aus. Wenn es nur weiterginge, fleht sie den Beton-Schacht und die Telephonleitungen an. Die Luft scheint auch schlechter zu werden, das Atmen fällt ihr schwer. Viel zu viele fremde, unsympathische Typen, das strengt an, sie braucht frische Luft. Die beiden auf der Drehkupplung, blicken denn die nicht hin und wieder kurz zu ihr herüber? Macht der eine nicht Anstalten, herüberzukommen?

Erleichtert spürt sie den Ruck der anfahrenden Bahn, doch sie braucht frische Luft. An der nächsten Station stürzt sie förmlich zur Tür und hinaus auf den Bahnsteig.

Tief einatmend steht sie ansonsten bewegungslos da. Einen Moment nur erholen, denkt sie, das ist ja nicht das erste Mal passiert, mit der nächsten Bahn wird sie weiterfahren können, da ist sie sich sicher.

Inzwischen ist sie alleine auf dem Bahnsteig, das tut ihr gut. Jetzt hört sie jemanden die Treppe herunterhasten, vom Schritt und Atmen her ein Mann. Sie stellt sich einfach hinter eine Säule, um ihre kurze Erholungspause nicht zu gefährden.

Tatsächlich geht es ihr schnell besser. Die nächste Bahn fährt ein, und sie will einsteigen. Sie schaut sich noch kurz um, da ist sie völlig überrascht: sie sieht plötzlich den Mann aus der anderen Bahn! Wieso eigentlich? denkt sie; wie kommt der hier her? Trotz der Überraschung spürt sie noch immer keine Abneigung gegenüber dem Mann, der ein ganzes Stück weiter steht, sie ebenfalls gesehen hat.

In ihrer Überraschung hat sie das Einsteigen vergessen, schaut ihn an, und er kommt näher. Das sollte er nicht tun, denkt sie, er sollte sie auf keinen Fall anfassen, obwohl sie sich noch immer nicht vor ihm ekelt. Eigentlich ist er immer noch ganz harmlos, obwohl er näher kommt. Vielleicht will er nur zum Ausgang. Sie versteht nicht, wie er hier herkommt. Sie spürt, wie sie errötet, wieso eigentlich? Sie ist verwirrt, auch weil er näher kommt. Bleib doch dahinten, denkt sie, das wäre besser für beide. Es ist für sie noch nicht unangenehm, trotzdem möchte sie fliehen. Ihr Versuch dazu ist zunächst wegen ihrer Überraschung relativ unkoordiniert. Er soll nur nicht zu nah kommen, dann wäre alles in Ordnung, denkt sie und geht ein paar Schritte rückwärts. Sie schaut ihn an und zu Boden.

Die Situation ist zu blöd. Der Mann ist ihr nicht einmal unangenehm, dennoch sollte er besser nicht näher kommen. Das tut er aber. Warum tut er das? Warum geht sie rückwärts von ihm weg? Wo es nicht einmal ein schmieriger Typ ist, sollte sie da die Situation nicht einfach durchstehen können, egal was er sagen wird? Der Mann sieht ungefährlich aus. Eher aus Gewohnheit tritt sie den Rückzug an. Irgendwann würde es doch unangenehm werden, sie ist sich ziemlich sicher.

Wenn er sieht, daß sie geht, wird er ihr schon nicht mehr folgen. Irgendwie läuft sie jetzt sogar die Treppen zum Ausgang hinauf und schaut sich hin und wieder um, ob er ihr immer noch folgt.

Er hat es nicht eilig, stellt sie fest, doch folgen tut er.

Auf der Straßenebene eilt sie den Bürgersteig entlang und wartet einen Moment. Sie sollte wirklich umdrehen und ihm sagen, er solle sie bitte in Ruhe lassen. Oder sie sollten in das Café gegenüber gehen und reden, irgendetwas Normales sollte jetzt passieren, meint sie.

Aber ihre Gefühle gegenüber Männern sind nicht normal. Dieser ist ihr nicht einmal unsympathisch, aber noch ist er ihr nicht zu nahe gekommen, noch hat er nicht versucht, sie anzufassen. Warum sollte sie das frustrierende Erlebnis abwarten, was darauf folgt, weiß sie: sie fühlt sich immer unwohl, wenn sie angefaßt wird, das ist immer das Ende bei den schmierigen Typen, weiter geht es nie. Dieser ist nicht schmierig, aber warum sollte es bei ihm anders sein?

Jetzt taucht auch er aus der Station auf. Ihre Blicke treffen sich kurz.
Sie schaut dann sofort auf den Boden.
Er sollte nicht näher kommen.
Sie läuft los.
Erschreckt hört sie das Quietschen
eines Lastkraftwagens, sie schaut auf und sieht, wie er genau auf sie zukommt.
Erstarrt bleibt sie mitten auf der Straße stehen. Wenige Zentimeter vor ihrer Nase hält der Laster. Sie ist zu keiner Bewegung fähig.

Variante: a)   b)   c)   d)  
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