Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Geldserie von Neit Nisch

Geschrieben: 1993-10-08

Mit der Geldserie, die Neit Nisch letztens begonnen hat, scheint er nun endgültig nach der hyperrealistischen Phase zu einem neuen Stil gefunden zu haben, deren Wurzeln eher in der Pop Art und der konzeptionellen Kunst zu suchen sind.

Schon das Happening 'Zur Kunst- und Kulturförderung in Deutschland' vor dem Rathaus von Hannover muß zu diesem neuen Abschnitt seines Werkes gezählt werden, denn wie der Künstler zu verstehen gegeben hat, erwägt er, etwa zehn Prozent seiner Einnahmen der Geldserie anonym auf Museen und Büchereien in Hannover zu verteilen. Da das Happening nur Insidern der Szene um Neit Nisch bekannt geworden ist, möchte ich noch einmal kurz darauf eingehen. Das Happening fand zu einem Zeitpunkt statt, der auf Wunsch des Künstlers nicht näher genannt werden soll: "Dieses Happening ist ein einmaliges Ereignis, jedoch in der Zeitskala nicht auf ein Datum festgelegt, vielmehr ist es durch eine Translation in der Zeit für jeden Augenblick der jüngeren Vergangenheit und der bisaufweiteren Zukunft denkbar, ebenso eine Translation im Ortsraum innerhalb Deutschlands." Das eigentliche Happening bestand nun darin, daß Neit Nisch in jener Nacht vor dem exklusiv ausgesuchten Insiderpublikum auf ein Papier mit der Aufschrift 'Zur Kunst- und Kulturförderung in Deutschland' persönlich einen Kothaufen gesetzt hat.

Mir gegenüber kommentierte Neit Nisch dieses Happening knapp: "Schon am Umgang der Stadt mit diesem Kunstwerk sieht man deren Einstellung zu Kunst und Kultur repräsentativ für ganz Deutschland, denn es wurde vermutlich am nächsten Morgen stillschweigend entsorgt und ist somit der Nachwelt für immer verloren. Das paßt genau zum Umgang mit Kunst und Kultur allgemein, die denen doch am Arsch vorbei geht, ständige Etatkürzungen bei Theatern, Museen und Bibliotheken sind inzwischen üblich geworden, ebenso wie eine ständige Verschlechterung der Lage an Schulen und Universitäten, deren Bildungsbemühungen von mir ausdrücklich mit zu Kultur gezählt werden, im Gegensatz zu jenen Kulturbanausen, die die Aufgabe dieser Einrichtungen offenbar primär darin sehen, human resources für die Industrie abzurichten, wie aus Äußerungen zu entnehmen ist, Studiengänge sollen auf die für Ausbildung für den Industrieeinsatz nötige Wissenvermittlung reduziert werden. Das Kunstverständnis der Verantwortlichen beschränkt sich eindeutig darauf, ins Theater oder die Oper zu gehen, um gesehen zu werden und sich in der Pause am Promi-Buffet mit Störeiern und Sekt vollzustopfen.

Kein Wunder, daß bei dem heutigen Kultur- und Kunstvermittlungsdefizit gewalttätige und rechtsradikale Jugendliche das Land terrorisieren.

Es ist doch längst schon üblich geworden, die Bedürfnisse nach dem willkürlich festgelegten Kulturetat zu gestalten, statt den Etat nach den tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten, dann müßte sich zum Beispiel der Umfang gut geführter Bibliotheken gemäß der aktuellen Wissenszuwachsrate alle fünf bis zehn Jahre verdoppeln.

In diesem Land wird dem Geld eine Bedeutung zugemessen, die weit über seine tatsächliche Bedeutung hinausgeht, es handelt sich schließlich beim Geld entweder nur um Papier, dem ein willkürlicher Wert zugeordnet wird - völlig verbrannt fällt dieser Wert eines Geldscheins praktisch auf null - oder um irgendwelche Zahlenreihen in Speichermedien für den Computerzugriff, die durch gezielte Einwirkungen von Feldern leicht beliebig verändert werden können."

In dem Happening zeigt Neit Nisch seine Affinität zum Zitat, welches er souverän in einen neuen Sinnzusammenhang stellt. Auch mit der Wahl des leicht verderblichen organischen Materials erinnert er an eine der Größen der deutschen Kunstszene - Joseph Beuys. Durch die Erhebung eines Alltagsgegenstandes - des Kothaufens - zum Kunstwerk erinnert er ebenfalls an die Ready mades von Marcel Duchamp (siehe etwa Fontaine, 1917).

Deutlicher zur Pop Art wendet Neit Nisch sich mit seiner Geldserie, um die es hier schwerpunktmäßig gehen soll. Für die, die nicht dabei gewesen sind, möchte ich hier noch einmal kurz den Ablauf der Aktion schildern.

Neit Nisch hat auf einem Stand in der Innenstadt folgendes Angebot gemacht: Der Interessent an einem Kunstwerk der Geldserie übergibt dem Künstler Geldnoten (Deutsche Mark, mindestens zwei gleiche Scheine) mit einem Mindestnennwert von 100 DM, von dem mindestens die Hälfte beim Künstler verbleibt, der Rest - genau eine der Banknoten - wird vom Künstler mit Datum, laufender Nummer der Geldserie, dem Gesamtwert (also der insgesamt übergebenen Geldsumme) beschriftet und unterschrieben. Hat man ihm zum Beispiel 2 Hundert-DM-Scheine und 27,83 DM Kleingeld gegeben, erhält man einen Hundert-DM-Schein beschriftet mit Datum, laufender Nummer, der Geldsumme 227,83 DM und der Unterschrift von Neit Nisch als Bestätigung zurück.

Hier zeigt sich einerseits wieder die Vorliebe von Neit Nisch für Ready mades, andererseits bekommt der Geldschein durch die Beschriftung neben der ihm schon eigenen Seriennummer und dem gedruckten Motiv noch weitere einmalige Signaturen, die ihn zu einem einmaligen Kunstwerk machen, indem Neit Nisch ihn zu einem Kunstwerk ernennt. Durch den von Neit Nisch bestätigten und vom ursprünglich aufgedruckten abweichenden Wert des Geldscheins relativiert Neit Nisch die Wertbeimessung durch die Gesellschaft. Er schafft damit einen neuen Wert des handbeschrifteten Scheins, den Wert des Kunstwerks Geldnote. Er stellt damit deutlich heraus, daß Geld längst zum Hauptsymbol unserer Gesellschaft geworden ist. Der neue Wert wird dem Geldschein wiederum nur symbolisch zugewiesen, es liegt ja an jedem selbst, welchen Wert der Rezipient der Geldnote unabhängig von Neit Nisch zuweist.

Hier schließt Neit Nisch nun also deutlich an die Pop Art an, insbesondere an das Abdrucken von Dollarnoten von Andy Warhol, bei dem die Einmaligkeit des Kunstwerks noch durch die Motivwiederholung auf einem Bild und die beabsichtigten Mängel in der Drucktechnik erreicht wurde. Neit Nisch nimmt hier gleich das Original, und die Transformation vom Geldschein zum Kunstwerk gelingt bei ihm durch einfache Beschriftung.

Durch die Verwendung des Originals zeigt Neit Nisch eine gewisse Verwandtschaft zu Jeff Koons, dessen Werke ihre Wurzeln ebenfalls in der Pop Art haben, und der zeitweilig auch Originale verwendet hat (siehe zum Beispiel diverse Elektro-Hausgeräte in 'The New' oder die gerahmten Nike-Poster in 'Equilibrium').

Wie Koons tischt uns Neit Nisch mit Kothaufen und Geldschein nur scheinbar Banalitäten des Alltags auf. Tatsächlich ist die Geldnote die Ikone des Alltags (man denke nur an die götzenartige Verehrung, die der Hundert-Mark-Schein beim Anschluß der DDR an die BRD erfahren hat, oder an die vielen kunstvollen Reproduktionen von Hundert-Mark-Scheinen, die die Farbkopierer als preisgünstige Werkzeuge für den Hobbykünstler etabliert haben), mehr noch als die CocaCola-Embleme der Werbeindustrie. Das hat schon Warhol erkannt, doch bei ihm bezieht sich die Darstellung des Geldes mehr auf den Konsumgedanken und den Gedanken des Geschäftemachens der amerikanischen Gesellschaft: "...Geld zu verdienen ist Kunst und arbeiten ist Kunst und gute Geschäfte zu machen ist die größte Kunst." Während im heutigen Deutschland diese Bedeutungen noch durch die des Geldes an sich überlagert werden. Neit Nisch trifft mit seiner Ikone des Geldscheins und seiner Kritik der mangelnden Kulturförderung in Deutschland diese dominierende Bedeutung des Geldes an sich im Kern. Hatte Geld früher noch einen Zweck, war Mittel zum Zweck, steht das Geld heute bereits alleine da. Nicht nur, daß es allmählich eine inhärente Bedeutung bekommen hat, inzwischen hat die alleinige Bedeutung seiner Existenz alle anderen Werte in der Gesellschaft verdrängt. Die deutsche Gesellschaft ist längst völlig auf Geld fixiert. Es bekommt eine übermächtige, ja absolute Bedeutung, es bleibt nichts daneben stehen. Die Politik stellt längst nur noch die Frage "was kostet uns das?" statt zu fragen "was bedeutet uns das?"

So hebt Neit Nisch das Geld mit der Geldserie ironisch auf einen noch höheren Sockel, dessen Fundamente er gleichzeitig genüßlich ankratzt, in dem er dem Geldschein einen neuen, vom Kunstliebhaber willkürlich gewählten Wert aufprägt. Damit wird aber der Wert des Geldes an sich hinterfragt. Wenn Neit Nisch der Geldnote einen willkürlichen Wert zuschreiben kann, hat die Note dann überhaupt noch einen realen Wert? Wenn einem Hundert-Mark-Schein plötzlich ein Wert von 227,83 DM zugeordnet wird, wird dem Erwerber dieses Kunstwerks die Willkür der Wertbeimessung einer Währung offenbar, niemand außer der Gewohnheit garantiert ihm im Prinzip, daß ein Geldschein mit dem Aufdruck 100 DM auch morgen noch einem Warenwert nach seinen heutigen Erwartungen entspricht. Neit Nisch untergräbt damit das Vertrauen in diese Pseudowerte der heutigen Gesellschaft: "Es ist schon erstaunlich: Ich stelle mich hinter einen mit einfachen Werbemethoden dekorierten Stand und bin bereit, Geldscheine neu zu beschriften. Kaum zu glauben, wieviele Leute bereit sind, mindestens die Hälfte eines Geldbetrages abzugeben, um bestätigt zu bekommen, daß ihre Hundert-, Zweihundert-, Fünfhundert- oder sogar Tausend-Mark-Scheine irgendeinen Wert aufgeprägt bekommen können."

Neit Nisch bleibt aber nicht dabei stehen, das Symbol oder die Ikone des (nicht nur) bundesdeutschen Alltags auch noch auf einen künstlerischen Sockel zu heben, durch seine Versuche, die Bedeutung des Geldes für die Menschen gezielt durch seine Aktion zu untergraben, das Geld durch andere Werte - Kunst, Kultur, Bildung - zu ersetzen, zeigt er einerseits seine Nähe zur konzeptionellen Kunst, andererseits gibt er der Kunst die Aussage zurück, die in der Pop Art in den Hintergrund getreten war, in der stattdessen die Darstellung und Herausarbeitung der wesentlichen Symbole der Zeit noch im Vordergrund gestanden hat.

Neit Nisch entwickelt die Pop Art hier durch die Beigabe eines wohldurchdachten Konzepts mit impliziter Aussage weiter, aus der Darstellung folgt ironische Kritik, nicht nur ein Aufzeigen der Tatsachen, sondern gezielte Darstellung eines groben Mangels der Gesellschaft mit der gleichzeitigen Aufforderung an die Menschen, diese Mißstände etwa zugunsten der ebenfalls dargestellten Alternativen zu ändern: "Die Menschen lassen sich viel zu sehr von Medien und Politikern manipulieren; deren Simplifizierungen lassen den Leuten keine Zeit, selbst zu denken, das darf nicht hingenommen werden, nicht umsonst heißt das Land Republik - res publica - die öffentliche Sache. Es ist daher nicht Aufgabe von Politikern, Medien und Werbemanagern, Bedeutungen zu schaffen, es ist Sache des Volkes, eine Bedeutung zu haben."

Bei Jeff Koons heißt es: "Früher mußten die Künstler nur einem König oder einem Papst etwas ins Ohr flüstern, um politischen Einfluß zu gewinnen. Heutzutage müssen sie in die Ohren von Millionen von Leuten flüstern."

Insgesamt stellt sich Neit Nischs neues Konzept als überzeugend dar. Die Kunst verliert durch seine Aktionen ihren bloßen Dekorationscharakter, den sie durch die Vermarktung der Kunst durch den mit den Jahren etablierten Kunstmarkt bekommen hat und findet hier zu ihrer kulturellen Bedeutung zurück. Auch hier ist wieder eine gewisse Verwandtschaft mit Jeff Koons zu erkennen, dem es durch Selbstausbeutung zum Beispiel in 'Made in Heaven' oder 'Banality' gelingt, die Bedeutung wieder auf verstehbare Weise in den Vordergrund zu rücken.

Wenn Warhol den Künstler zum Star gemacht hat und das Kunstwerk zum Konsumprodukt, so weist Neit Nisch dem Künstler wieder deutlich seine kulturelle Bedeutung und Verantwortung zu, ohne seine Berechtigung, mit Kunst Geld oder mit Geld Kunst zu machen in Frage zu stellen.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D